Unter einem Stein

Unter einem Stein, findest du einen Brief. Er ist nicht lang, aber es sind seine Worte, die sich in deinem Kopf einnisten und dich fortan begleiten.

Du warst nie gezwungen, daran zu denken, weil es dich nicht betraf. Du bist stolz, auf das was du erreicht hast. Warum es nie schwer war?

 

 

Du weißt nicht, wer ihn schrieb, diesen Brief den du nun in dir trägst. Du weißt nur, dass du ihn brauchtest, um zu erkennen. Du glaubst nun, erkannt zu haben, doch hat man das je?

 

Ein Brief erzählt, aus der Feder eines Menschen. Die schreibende Hand kann sehr ehrlich sein und was dem Mund bleibt verschlossen, fließt manchmal in sie ein. Die schreibende Hand kann lügen, glaubst du ihr? Hinterfrage, aber glaube mir, dieser Brief spricht ehrliche Worte.

 

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Erfühle dich

Sie fuhr ihm mit ihren sanften Fingern über die Schultern, die er für zu schmal hielt. Sie wischte seine Ängste davon. Ängste, vor der eigenen Zerbrechlichkeit. Fehlende Kraft, sie zu beschützen, sich selbst zu beschützen.

Ihre Hände schwebten seine unnützen, bloß in seinen Augen, verkümmerten Beine entlang und gaben ihnen Glanz. Gaben ihm Glanz. Gab sie ihn wirklich? Nein, was er nicht wusste; er war bereits dort. Der Glanz. Der Wert. Er an sich besaß ihn, er an sich war wertvoll. So wertvoll. Sie fand ihn bloß, seinen Wert, seinen Glanz, und machte ihn sichtbar.

 

Tragen konnten sie ihn nicht, diese Beine. Der Wunsch zu laufen, gebar den Hass, der sich auf seine Beine richtete. Nur sie verstand, diesen Hass zu mildern. Ihn zu zähmen und in den Schlaf zu singen. „Du bist schön.“, sagte sie. Nicht bloß mit dem Mund. Auch ihre Augen sagten es. Ihr Gesicht. Alles an ihr sagte es ihm. „Du bist schön.“ Und er konnte sie spüren, die Schönheit. Wie sie zwischen ihnen stand. In Form ihrer Liebe.

 

 

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Verinnerung

Dein Verstehen

greift nicht tief,

deine Fehler

sind verstanden.

Deine Geschichte

erklärt dein Tun,

nur dein Schweigen

lässt sie verstummen.

Verantwortung,

übernehme sie.

Deine Entscheidungen,

sind dein,

wenn sie auch

dem davor,

dem herum,

dem Schatten

vom Danach

entsprungen sind.

 

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Ein Moment der Ruhe

Es war das Geheimnis der Ruhe, das in ihr schlummerte, während ihr alter Blick über die Rosenranken in ihren Beeten wehte.

Lange war sie hier gewesen, sehr lange schon. Sie hatte das Leben genossen, trotz all der Schmerzen, die es in seinen Winkeln verborgen hielt. Sie hatte viel Glück erfahren und während sie das Glück liebte, hatte es sie gelebt. In sanften Wogen, im Takt mit jenen, die ihr nahestanden. Nun war es an der Zeit zu gehen und sie war bereit. Ist nicht der Anfang das Schöne, das Ende der Schrecken? Sie fühlte keinen Schrecken, bloß Ruhe, die ihr wohltat und ihre Wunden heilte. Es tat ihr gut, denn es war an der Zeit. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie ließ los und ging.

Es gibt Dinge, die niemand einem sagen kann, weil nur man selbst sie weiß.

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Der Gang der Erinnerung

Ein kalter Windstoß erfasst die Tür und hält sie fest umschlossen. Die Kälte sickert über die Türschwelle der geschlossenenen Tür und durch die Fenster, die im Takt des Windes leise beben. Du spürst sie in dir, die Kälte, während dein Blick zu dem Bild wandert.

Es ist eine fressende, heißhungrige Kälte, die nichts neben sich duldet. Es ist eine gebärende, fruchtbare Kälte, die aus schönen, warmen Bildern der Vergangenheit besteht -erkaltet nur durch die Trauer, dass sie vergangen sind und die Person, die sie ausmachte, nicht zurückkommen wird.

Es ist nun schon viele Jahre her und es ist dir gelungen dankbar zu sein, dass dir die schöne Zeit mit ihm vergönnt war. Daran zu denken, was für ein schönes Leben er hatte und was er erleben durfte, anstatt immer nur an das abrupte Ende. Es tut gut, die Vergangenheit zu schätzen, mit warmem Herzen und einem verträumten, liebevollen Lächeln auf den Lippen. Aber heute ist dir das nicht möglich.

Heute wäre er 21 Jahre alt gewoden. Hätte er jemals so alt werden können. Du willst mit ihm darüber reden, ihm deine Trauer anvertrauen. Denn er war der einzige, der dir immer bedingungslos zuhörte.

Er würde dir auch jetzt zuhören, auch wenn es ihn schmerzen würde, von deiner Trauer zu hören. Er würde sich wünschen, dich glücklich zu sehen. Weil er dich liebt, zu dir aufschaut und mit dir gemeinsam euer Glück spüren will. So wie es immer war, als ihr die warme Sommerluft durchbrochen habt und über die Wiesen gerannt seid - das kitzelnde Graß unter deinen nackten Füßen.

In deiner Vorstellung sprichst du mit ihm. Stumme Worte, die in Stille verstanden werden. So, wie es immer zwischen euch war. Mit niemandem sonst kannst du reden, über das, was in dir vorgeht. Niemandem sonst, kannst du deine wahre Trauer anvertrauen. Denn sie würden nicht verstehen. Denn sie haben nie verstanden. Wenn sie ihn anschauten, sahen sie bloß seine Hülle, aber nie die Person. Er war keine Person für sie. Sie würden nicht verstehen, wie du um ihn trauerst. Würden nicht verstehen, welch geschwisterliches Band zwischen euch gewachsen war. Dass seine Sicherheit immer da war, auch wenn die deiner Familie es nicht war.

Du schüttelst den Kopf und deine sanften Locken fliegen. Ein Lächeln kommt zum Vorschein. Erst zaghaft, dann immer kräftiger, willensstark verbreibt es die Kälte.

Denn heute, ist sein Geburtstag.

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Im Sonnenlicht

Sonnenstrahlen,

vernetzen ihre Haut

mit Zärtlichkeit

 

liebkosen,

ihren Körper

im Sommerwind

 

Sonnenstrahlen,

wie sie ihre Augen

beleben.

 

Ein feiner Hauch

gesprochen vom Wind

Ein tiefes Warm

flüstert die Sonne

 

Dort,

auf der Wiese

im Grünen,

grünen Sonnenlicht

 

Dort liebt sie sich.

Liebevoll, zärtlich.

Hingebungsvoll.

 

Allein mit sich,

in trauter Zweisamkeit. 

 

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Verbunden

In der Ruhe

ihrer Gemeinsamkeit

gefangen,

halten sie sich,

schützen sich

in gegenseitiger

einander gegebener

Verbundenheit.

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Schwerelos

Erdrückend.

 

Gedanken stauen sich

im Kopf zerknüllt

 

Gedankenmüll verschenkt

Energie

unnütz verbraucht

 

Gefühle stauen sich

erdrückend

zerdrückend

belastend

 

Pause.

 

Ich brauche eine

die mich befreit

 

Die mich trägt

hinauf

in hohe Lüfte

 

mich verweht,

geschwind

meine Gedanken

mit sich trägt

 

schwerelos

 

Die Sorgen mit sich nimmt.

 

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Durchbrochen

Es war Schlafenszeit. Mama war schon im Zimmer gewesen, um ihn zuzudecken und Gute Nacht zu sagen. Papa hatte ihm schon eine Gute Nacht Geschichte vorgelesen, mit bedächtigem Blick, durchbrochen von dem ein oder anderen Schmunzeln. Nun war Schlafenszeit. Doch er wollte nicht schlafen. Wollte nicht in die Welt der Träume, die noch schrecklicher war, als die Wirklichkeit. Eine Welt in der sich die Erlebnisse der Vergangenheit mit den Ängsten über seine Zukunft vermischten. 

Er kämpfte mit seinen Augen, damit sie offenblieben, damit sie den Schritt in diese abscheuliche Welt nicht wagten. Nach Nächten des immer gleichen Erlebens, wusste er, was ihn erwartete. Zunächst hielt er den Atem an und zählte. Erst vorwärts, dann rückwärts. Erst auf Arabisch, dann auf Deutsch und auch nochmal auf Englisch, was jedoch nur stockend gelang. Seine Augen wurden trotz allem immer schwerer und seine Gedanken drohten zu entschwinden.

Er wusste was kommen würde. Zu den Bildern aus seinen Erinnerungen, Bildern die er nicht haben wollte, weil sie den Blick auf die schöne Zeit davor versperrten, mischten sich die Stimmen und Momente des Klassenzimmers und Pausenhofs. Die anderen Kinder mochten ihn nicht. Das wusste er, denn sie zeigten es ihm jeden Tag aufs Neue. Er war sehr still und glaubte, dass er auch langweilig war, und oft konnte er ihre Witze nicht verstehen. Trotz allem hatte er aber zwei Freunde. Zwei Kinder aus seiner Klasse, die ihn mochten und die er auch sehr mochte.

In seinen Träumen hatte er niemanden mehr. In seinen Träumen wussten sie es. Tagsüber, außerhalb seiner Träume, war er sich sogar selbst manchmal nicht sicher. Aber dann kam immer wieder einer dieser Momente, in denen er es spürte. Dass er nicht so sein konnte, wie die anderen es erwarteten. Dass er sich nicht wehren konnte, weil er es nicht wollte.

Es gab einen Jungen auf seiner Schule, der viel größer war als die anderen Kinder. Wenn er ein T-Shirt trug, konnte man sehen, dass er bereits richtige Muskeln hatte, die seine Arme zu bedrohlichen Waffen machten. Der große Junge nutzte sie auch, diese Waffen. Und niemand traute sich, diesen Jungen Kanake zu nennen. Er stellte es sich so vor: Alles Erlebte, all die Gemeinheiten und dunklen Erinnerungen wurden fest, genauso wie sie bei ihm selbst mitten in seinem Magen fest wurden. Nur, dass sie bei dem starken Jungen aus seiner Schule nicht in den Magen gingen. Sie wurden fest und hart und zogen in seine Arme. Und wenn er jemanden schlug, dann ließ er sie frei.

Tagsüber hasste er diesen Jungen. Hasste ihn, aber fürchtete sich auch vor ihm. Ein bisschen Bewunderung mischte sich unter die Angst, aber des Nachts veränderte es sich. In seinen Träumen sah er das starke, schöne Gesicht, mit den warmen, dunklen Augen ganz dich vor sich. Sah die straffen, harten Arme, wollte sie berühren, wollte sie streicheln. Er spürte etwas, dass er nicht benennen konnte, denn er wusste nicht, was Verlangen war. Er wollte die Stärke des Jungen um sich haben, ihn um sich spüren. Wollte seine Nähe und dass sie ihn vor dem Rest der Welt beschützte.

In seinen Träumen sahen sie sich an. Liebevoll. Und der harte Blick des älteren, stärkeren Jungen schmolz.

Dann der Bruch. Das Bild der Zweisamkeit, das sanfte Lächeln des sonst Unnahbaren und selbst der Blick, voll Wärme und Stärke – brach. Es zerbrach an einem leisen Knarren. Dem schleichenden Geräusch der sich öffnenden Tür und einer Wand aus Worten, die ihnen entgegenprallte und sie zu ersticken drohte. Sie kamen aus einem gesichterlosen Meer von Kindern. Es waren Worte, die ihm vertraut waren. Die er schon so oft gehört hatte, wenn ein Klassenkamerad einen Scherz gemacht hatte: „Bist du etwa eine Schwuchtel?“. Oder wenn der nervige Junge aus der 6. Klasse eins seiner gehässigen youtube Videos zeigte und das Mädchen, dem immer alle zuhörten, sagte: „Das ist ja voll schwuul“ und alle lachten.

In seinen Träumen mischten sich die Schimpfwörter und das Lachen und manchmal sah er Ekel und Angst aufblitzen.

 

Doch der schlimmste Moment war, wenn hinter all den Kindern plötzlich seine Eltern auftauchten. Mit versteinerten Gesichtern. Seine Eltern, die ihn immer wieder aufgebaut hatten, wenn er niedergeschlagen aus der Schule kam. Er erkannte die Enttäuschung, die hinter der steinernen Maske lag. Und mit dieser Enttäuschung über ihm ausgebreitet, wachte er auf. Wachte auf und nahm den liebevollen Guten Morgen Kuss seiner Mutter entgegen. 

 

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Das Lächeln des Baumes

Er hilft dir hoch, 

nimmt dich

an seine.

 

Eine hölzerne Hand.

 

Sanft, doch rau

streift sie dich. 

Stark und verlässlich,

stützt sie dich. 

 

Bis du sie fällst.

 

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Wachsende Spuren

Eine Fußspitze

voll Frühlingserde,

ein Tautropfen

im Baumkronen Haar,

Ein sanftes Prickeln

auf der hölzernen Haut

und der Frühling ist da. 

 

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Ein neuer Wandel

Langsam legt er sich nieder

Wie ein altes, weichendes Tuch.

Wird von kleinen Blumen durchbrochen,

Vom Frühling mit Lachen verhext.

Ein letzter Hauch von dem Winter

Dann verzaubert des Frühlings Dufte dich. 

 

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Aus dem Fenster

Er runzelte die Stirn, viel mehr noch seine linke Augenbraue.  Wir stehen in seinem Büro, haben uns eingeschlichen und beobachten ihn nun. Wie er dort steht, am Fenster, und seinen Blick über die Menschenmassen auf der Straße schweifen lässt. Ja vielmehr noch als ihn selbst, betrachten wir seinen Blick, der sieht, zu sehen meint und wertend erschafft. Ungesehen, still und doch kraftvoll liegt dieser Blick auf den Geschehnissen. Er nimmt die Menschen, ihre Fahnen und Schilder, ihre Farben und Sprüche, alles eingesperrt von ihrer äußeren Erscheinung, und macht aus ihnen eine hässliche Fratze, eine Lüge über einen Bruchteil von dem was sie sind. 

In seinem Köpf sind Wörter wie Ausländer, Migranten, Kanaken. Da sind Geschichten und Bilder, mit denen sich die Menschen in seiner Umgebung gegenseitig füttern. Aber er wendet nicht einfach mit verachtenden Ausdruck den Blick ab. Er bleibt und schaut. Er sieht die bunten Flaggen, doch sieht weder ihre Bedeutung noch ihre Offenheit. Für ihn verschwinden sie gemeinsam mit den Menschen in Massen. In einer einzigen gewaltigen Masse, die bedrohlich weiterrollt. Es erschreckt ihn, wie viele dort unten entlang marschieren, denkt an sein gewohntes Umfeld, vergleicht und verschränkt seine Arme. Er löst sie wieder und stützt sich mit seinen Händen auf seinen Knien ab. Die Bilder in seinem Kopf trennen ihn von den Menschen auf der Straße. Er rückt seine Krawatte zurecht und richtet sich ein wenig auf, als könnten ihn die Symbole seiner Autorität vor der vermeintlichen Gefahr schützen.

Ein vertrautes Signal aus der ihm nahen Welt, deren Grenzen er nach außen hin zu sichern versucht, reißt ihn aus seiner Starre. Es klopft an seiner Bürotür. Mit der Stimme, die seiner Position angemessen ist und sie verteidigt, noch bevor ein Grund sichtbar wird, bittet er seinen Besucher herein. Es ist einer seiner Mitarbeiter. Fleißig und mit guten Kontakten, die dem Unternehmen schon einiges eingebracht haben. Er ist immer überpünktlich, aber in Konferenzen meist erst vorsichtig zurückhaltend. Nur wenn er dann etwas sagt, ist es meist ein gut überlegter, wichtiger Beitrag. Seine Prognosen für sein nächstes Projekt sehen derart vielversprechend aus, dass sein Chef, unser nun schon leicht vertrauter Bekannter, überlegt das Budget zu erhöhen.

„Entschuldigen Sie die Störung, Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich jetzt gehe, wie ich es mit Frau Blum abgesprochen habe.“ Sein Chef sah ihn überrascht von seinem Bürostuhl aus an: „Sie hat mich gar nicht darüber in Kenntnis gesetzt. Aber nun gut, solange alles vorbereitet ist. Wie kommt es, dass Sie heute früher gehen?“ Die Antwort des Mitarbeiters verlässt seinen Mund nur zögerlich: „Es ist der Protest. Also, ich möchte daran teilnehmen. Sie können ihn von Ihrem Fenster aus sehen, nehme ich an.“ Für einen Moment öffnete sich der Mund des Chefs leicht, nur um gleich darauf wieder unter Kontrolle gebracht zu werden. Sein Mitarbeiter beeilte sich derweil, einen Ausgang aus dem Gespräch zu finden: „Die Papiere für die Verhandlungen morgen habe ich verschickt und die fertige Mappe müsste in Ihrem Fach liegen. Wenn Sie mich nicht mehr benötigen, würde ich mich auf den Weg machen.“

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, wirbelten die Gedanken im Kopf des Chefs ein neues Bild von ihm zurecht. Im Grunde waren es immer noch die gleichen Striche und Farben, aber dennoch sah es mit einem Mal irgendwie anders aus. Handlungen wurden neu bewertet, das Bild des fleißigen Mitarbeiters mit dem des Ausländers in der Menschenmasse auf der Straße verglichen. Zuvor nie so wahrgenommen, wurde er durch sein Bekenntnis der Zugehörigkeit in den Augen des Mannes am Fenster, zu dem Anderen, dem Fremden, möglicherweise bedrohlichen Gegenüber. Was der Mann, der nun in seinem einladenden Bürosessel die Stirn in Falten legte und die Arme verschränkte, nicht sieht, ist, ja ist alles, was hinter diesem kleinen und beschränkten Bild liegt. Er sieht nicht, wie sein bemühter Mitarbeiter sich täglich aufs Neue versucht, die Vorurteile seiner Mitmenschen zu erraten, zu analysieren, nur um dann einen Slalom um sie herum zu vollführen. Er achtet auf die teils überhebliche Aussprache in seinem Arbeitsumfeld, die Betonungen und Wortwahl, orientiert sich an den respektierten Personen. Er handelt entgegen dessen, was er als Erwartungshaltung, als Vorurteil annimmt. Ist er unpünktlich, ist er der unpünktliche Ausländer, kein Individuum mit einem Hang zur Vergesslichkeit. Betont er die Silben der Worte anders, benutzt er gar andere Worte, nur ein einziges, wird sichtbar, welchen sozialen Sprung er hinter sich hat. Schafft er alles perfekt, wird er ein Teil dessen was er anstrebte. Aber die Verbindung zu dem was ihm zuvor zugeschrieben wurde, wird darin unsichtbar. So bleibt das Bild der Gruppe, wie es ist, da er nun als Einzelner in mitten der Norm bewertet wird.

Doch das sind bloß die Kanten, die ersten Anfänge der Geschichten, die hinter dem Eindruck liegen, den sein Chef bisher von ihm hatte.

 

Dieser Chef, den wir heute so unnachgiebig beobachtet haben, in dessen Gedankenwelt wir unerlaubt eingedrungen sind, starrt wieder aus seinem uns schon vertrauten Bürofenster. Er schaut auf die Massen, doch sieht die Menschen nicht. Noch immer nicht. Er blickt von oben auf die Menschen herab und merkt nicht, dass es sein Blick ist, der nach oben führt. Merkt nicht, auf welcher Höhe sie, auf welcher Höhe er, auf welcher Höhe wir alle, gemeinsam stehen. 

 

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Die Schatten unserer Nacht

Wir bewegen uns im tiefen Schatten der Nacht. Es ist nicht die Nacht der uns die Natur ausliefert, jeden Tag neu, eintretend mit der schwindenden Sonne. Nein, es ist eine Nacht in uns, die uns folgt und deren Schatten schwerer wiegen, als es einem wahrhaftigen Schatten jemals möglich sein wird. Manchmal bahnen sich diese Schatten langsam an, vielleicht ganz leise, vielleicht aber auch verräterisch laut. Du kannst sie dann in den Augen erkennen, schau deinem Gegenüber in die Augen, dort, ganz genau dort kannst du sie sehen.

Sie sprechen zu dir noch ehe ihr Besitzer sie ausspricht, bevor seine Worte den Schatten ihre Freiheit geben, bevor sie aus ihm herausbrechen und auf dich einstürzen. Nun sehe ich die Schatten in deinen Augen, nur ganz leicht, aber ich kenne sie gut und erkenne sie schnell. Es ist der Schatten, der die Nacht in dir, nein die Nacht in mir, die Nacht die du über mich bringst, verrät. Es sind die Gedankenbauten, Mauern im Kopf, Gefängnisse aus Vorstellungen die diese Nacht vom Tag trennen. In diesem einen Moment ist es deine Vorstellung von der Nacht. Dein Bild, das mich erdrückt. Denn deine Nacht ist schwarz. Wenn ich von Nacht rede, von Schatten, dann denkst du schwarz. Sage ich unheimlich, schaurig, beängstigend, denkst du dunkel, denkst du schwarz. Nein, widerspreche ich dir. Diese Nacht, die Nacht die mir meine Schrecken bringt, ist nicht schwarz. Sie ist weiß. Sie ist nicht das weiß des Schnees, so wie dein Schwarz nicht das tatsächliche Schwarz der Nacht ist. Es ist das Weiß das die Mauern in deinem Kopf, auch in meinem, in unseren Köpfen gebaut hat. Das Weiß das niemals weiß war, das Weiß das in gesehener Normalität untergeht, das Weiß das so wenig weiß ist wie das Schwarz schwarz ist. Doch all das bleibt dir verborgen. Du siehst das Weiß nicht, weil du es nie sehen musstest. Und so bewegen wir uns in der Nacht. Einer Nacht voll von Bildern, von Gedankenbauten, Mauern. Einer Nacht voller Schatten. 

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Eine unmöglich schöne Art, das Leben zu betrachten

Schauen wir einmal hinein, in die kleinen, aber verzückenden Augen von Emily. Oder besser hinaus, denn wir wollen mit Emilys Blick die Welt erfassen. Es sind jedoch nicht bloß ihre Augen, die diesen besonderen Blick ausmachen. Es ist zum Beispiel auch ihr Gang, fast schwebend, ganz leicht und froh, der ihre Sicht auf die großen und kleinen Dinge ausmacht. Auch ihre Art den Kopf schiefzulegen, wenn jemand etwas Gemeines gesagt hat, das Gesagte einmal rückwärts zu denken und dann zu lächeln. 

Manchmal, nein das stimmt nicht, fast immer lachen die anderen Kinder über Emily. Sie finden immer einen Grund dazu. Nur Emily findet keinen. Manchmal lachen sie über ihr Aussehen. Aber ihr Aussehen mag Emily sehr gerne. Sie mag ihre langen Arme, mit denen sie so gut klettern kann, ihre schwarzen Locken, die sie manchmal im Nacken kitzeln und ihren großen Mund, mit dem sie so unglaublich viel Plappern kann. Wenn andere ihr wegen ihres Aussehens komische Namen geben, amüsiert sie sich darüber viel köstlicher, als die lachenden Kinder um sie herum. Daraufhin werden die anderen Kinder dann immer wütend, machen noch gemeinere Witze und stampfen vielleicht mit dem Fuß auf. Spätestens dann kommt die Lehrerin, die keiner mag, weil sie so streng ist und ruft alle zur Ordnung. Emily kann verstehen, dass sie keiner mag, weil sie den anderen ja damit immer den Spaß verdirbt. Aber sie selbst mag die Lehrerin sehr gerne und glaubt ganz fest, dass unter all dem ernsten Gehabe in ihrem Kopf irgendwo bestimmt ein paar lustige Gedanken herum flitzen.

 

Einmal kam ein Mädchen in der Schule zu Emily und rief ihr zu: „Was soll denn das für ein gammliger Pulli sein? Hast du den auf der Straße gefunden?“ Tatsächlich hatte Emily an diesem Tag ihren Lieblingspullover an. Sie hatte ihn schon sehr lange, weshalb er so abgetragen und vielleicht auch ein wenig schmuddelig aussah. Aber gerade deswegen mochte Emily ihn so gerne und erinnerte sich immer an die vielen schönen Dinge, die sie mit ihm schon erlebt hatte. Sie legte den Kopf schräg, wunderte sich darüber, wie jemand ihren schönen Pullover nicht mögen konnte. Dann versuchte sie das Mädchen zu verstehen, dass selbst nur glänzende, neue Sachen trug, auf denen überall der gleiche Name mit einem Symbol darunter abgedruckt war. Vermutlich hatte sie gar keine alten Sachen mit denen sie schöne Erlebnisse verbinden konnte. Vielleicht freute sie sich auch immer sehr über ihre neuen Sachen und mochte sie ebenso gerne, wie Emily ihren alten, gehegten und gepflegten Pullover. Vielleicht wünschte sie sich für Emily eigentlich auch so viele neue Sachen, weil sie nicht verstehen konnte, wie sehr Emily ihren eigenen Pulli leiden mochte. Vielleicht machte sich das Mädchen aber auch gar keine Gedanken über Emilys Wünsche und ihr Glück. Vielleicht dachte sie einfach nur daran wie sie etwas sagen konnte, was den anderen dieses wohlbekannte Lachen entlocken konnte. Wie dem auch sei, Emily wusste, dass man die Gedanken anderer Leute niemals wissen kann. Nach diesen Überlegungen lächelte sie dem anderen Mädchen ins Gesicht, strich ihren Pullover mit langen, wohlbedachten Handbewegungen glatt und ging ihres Weges. Den irritierten Blick des Mädchens sah sie nicht mehr, denn ihre fröhlichen Augen waren zusammen mit ihren Gedanken schon weit nach vorne geeilt. Schritt um Schritt von einem glücklichen Tag mit vielen glücklichen Träumereien und Erlebnissen in eine glückliche Zukunft. 

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Wie Ma und ich das Leben erleben 

Es ist noch ganz früh. Ma liegt neben mir und kuschelt sich an mich. Sie nimmt mir mal wieder den ganzen Platz weg, aber ich kann ihr auch nicht böse sein. Wenn ich sie wegschieben möchte, kommt etwas, dass sich wie ein kleines Mini-Knurren anhört. Niedlich, aber es ist ihr sicher ernst. Da ist ein schweres Etwas, ich glaub es ist der Schlaf. Er hat sich auf meine Augen gesetzt und nun müssen sie ein wenig kämpfen. Aber kaum habe ich es geschafft sie zu öffnen, sehe ich das Sonnenlicht. Es hat sich durch den Spalt der Gardinen in mein Zimmer geschlichen und ruft nun, laut aber zärtlich, nach Ma und mir. So huschen wir, schnell und unentdeckt aus dem Bett, aus dem Zimmer, aus dem Haus. Schnell habe ich mir noch meine Jacke übergeworfen und meine Gummistiefel angezogen. Dann kann es losgehen. 

Wenn Mama kommt und uns wecken möchte, sind wir bestimmt schon zurück. Meine Schlafanzughose guckt immer wieder unter dem Mantel hervor. 

Ich möchte euch heute ganz viel zeigen. Vieles was mir wirklich wichtig ist. Es sind ganz viele schöne Sachen, aber auch ein bisschen was nicht so Schönes. Mama sagt immer, das ist das Leben; greifst du hinein, ist deine Hand voll Stacheln und Dornen, überrankt von wunderschönen Blumen. Ich mag keine Dornen, aber die gibt es auch eigentlich nur in dem Gebüsch hinter dem Bürohaus. Da sitzen diejenigen die alles organisieren, was die Leute so beschließen, sagt Mama. Sie geht da auch oft hin, aber ich mag nie mitkommen. Es ist immer sehr langweilig dort. Mama sagt gute Laune ist manchmal gut versteckt. Es ist manchmal, als müsste man sie wie ein ganz bestimmtes, einzelnes Sandkorn aus einem riesigen Sandhaufen raussuchen. Manchmal lohnt die Mühe, sagt sie. Mittlerweile muss Mama nicht mehr oft auf die Suche gehen. Sie hat mir erzählt, dass sie, als sie klein war, oft lange Zeit das Gute-Laune-Sandkorn nicht finden konnte. Dabei hat sie sehr gründlich gesucht und ich weiß, dass Mama sehr gut suchen kann. Aber es wollte einfach nicht auftauchen. Hier, sagt sie, gibt es mehr gute Laune als Sand und das muss schon was heißen. Denn wir haben jede Menge Sand und Erde und alles was man sonst noch zum Spielen braucht. Manchmal müssen wir Kinder den größeren Leuten zeigen wie das geht. Jetzt wundert ihr euch vielleicht. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die nicht wissen wie Spielen geht. Manchmal sogar kleine Menschen, Kinder. Aber meistens sind es die Älteren. Dann zeige ich, was ich gerne mache. Danach frage ich, was sie denn gerne machen. Das macht immer besonders Spaß. Denn dann kommen besonders schöne neue Spiele zustande. Wenn man nichts vom Spielen versteht, kennt man keine Spiele. Wenn man keine Spiele kennt, muss man sich welche ausdenken. Ausgedachte Spiele sind die besten, denn es ist immer genau das, was man gerade machen möchte.

Wir gehen am besten zuerst zum Fluss. Da ist etwas ganz Besonderes, dass ich euch unbedingt zeigen möchte. So etwas habt ihr ganz bestimmt noch nie gesehen. Aber da sind erstmal Ahmed und Sfundo. Sie sind wohl auf dem Weg zum Glaubenshaus. Sie grüßen mich mit Worten, Händen, Lächeln und ich springe zu ihnen. Ma freut sich auch die beiden zu sehen. Aber sie zeigt das auf ihre Weise. Mit Schwanzwedeln und schlabbernder Begrüßung.

Sfundo bringt mir in der Schule das Lesen bei. Das macht viel Spaß und er sagt immer, lesen sei der Schlüssel, mit dem man tote Geschichten lebendig macht. Ich mag diesen Satz. Tote Geschichten lebendig machen. Aber noch viel lieber mag ich es wenn meine Mama mir einfach Geschichten erzählt. Geschichten die sie selbst erlebt hat, Geschichten über mich und Geschichten über das Leben.

Aber wir müssen nun weiter. Schließlich wollen wir wieder zurück sein, wenn Mama kommt um uns zu wecken. Normalerweise steht sie sehr früh auf, aber gestern Abend war die Versammlung. Sie findet immer in dem großen Saal neben dem Marktplatz statt. Es war sehr spannend und wir haben viel entschieden und alle haben viel geredet. Manchmal denke ich, dass der ein oder andere den ganzen Tag über Gedanken in sich hineinstopft, nur um sie dann auf der Versammlung wieder loszuwerden. Dafür geraten dann viele dieser Gedanken in meinen Kopf, wachsen und biegen sich dort zurecht und plötzlich ist mein Kopf ganz voll. Aber ich habe ja zum Glück Geschichten, die den ganzen anderen Kram vertreiben können. Mama sagt zwar, es sei wichtig sich über das Leben, das Miteinander und so weiter Gedanken zu machen. Aber sie sagt auch, dass man manchmal einfach auch ein bisschen Freiheit im Kopf braucht. Sie sagt Gedanken dürfen niemals fest werden. Dann ist die Freiheit weg. Feste Gedanken bauen Grenzen auf und wenn ich an Grenzen denke, denke ich an Stacheldraht. Ich weiß nicht genau wieso, aber bei manchen Wörtern habe ich einfach ein Bild im Kopf. Bei dem Wort Grenze ist es Stacheldraht und Stacheldraht mag ich ganz und gar nicht. Nicht nur dass er piekst und sticht, kalt und hässlich ist. Man kann ihn auch zu nichts gebrauchen. Ich kenne kein einziges Spiel, das man mit Stacheldraht spielen kann.

Guckt euch nun einmal den Fluss an. Wie eine gefräßige Schlange, aber eine nette gefräßige Schlange, schlängelt er sich durch die Gegend. Ich mag den Fluss sehr gerne, denn man kann allerhand in ihm finden. Manchmal sind es Sachen, die viel erlebt haben und von ihren Erlebnissen erzählen. Vielleicht erzählen sie auch nicht, vielleicht bin ich auch diejenige die erzählt. Das weiß ich nicht so genau. Unter einem Stein am Ufer ist das versteckt, was ich euch heute zeigen möchte. Es ist klein und geschmeidig, mit dunklen Spuren darauf. Ein gebogenes, rundes, seltsames Holzstück. Ma findet es nicht seltsam, aber ich habe noch nie ein solches Holzstück gesehen. Vielleicht ist es auch gar nicht seltsam. Vielleicht ist es nur seltsam, dass ich noch nie so etwas gesehen habe. Vielleicht kennen ja alle anderen außer mir solch geschmeidig schön geformte Holzstücke. Gestern habe ich Laura getroffen. Ich kenne sie noch nicht sehr lange. Sie ist gerade erst umgezogen und wohnt jetzt ganz nah bei Mama, Ma und mir. Ich habe ihr von dem Holzstück erzählt und davon, was es alles schon gesehen haben könnte. Es war eine lange Geschichte, denn schließlich kann das Holzstück ja schon eine ganze Menge erlebt haben. Aber Laura hat sich sehr darüber gewundert was ich alles erzählen würde. Sie hat sich aber auch über die Wörter gewundert, die ich benutze. Dabei rede ich einfach mit den Wörtern, die ich am liebsten mag. Wenn ich ein Wort höre und es leiden mag, dann packe ich es auch in meine Sätze rein. Laura dagegen redet immer von Sprachen. Sie selbst rede Englisch, sagt sie. Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich langweilig. Wenn sie nur Wörter nimmt, die sie Englisch nennt, kann sie ja gar keine anderen schönen Wörter sagen. Aber vielleicht verstehe ich auch einfach nichts davon, weil ich gar nicht so genau weiß, was Englisch ist, was Sprachen sind und warum man so etwas braucht, wenn man am Ende doch nur mit Wörtern redet. Darüber muss ich mal mit Noam reden. Wir bringen einander in der Schule immer gegenseitig neue Wörter bei. Dabei haben wir beide schon viel gelernt. Meine liebsten Wörter sind bis jetzt glaube ich being, شمس  und aufwachen. Aber eigentlich mag ich alle Wörter gerne. Jedes ist wichtig, aber nie hat man genug. Wenn ich euch mit meinen Worten von dem Fluss, dem Holzstück und meinen Geschichten erzähle, reicht das nicht. Ich glaube kaum, dass ihr es euch genauso vorstellen könnt, wie ich es vor mir sehe.

Oh, wir müssen ja zurück! Mama wird sich furchtbar wundern, wenn Ma und ich nicht im Bett liegen, wenn sie reinkommt! Dabei wollte ich euch noch so viel mehr zeigen. Es war schön, von euch kennen gelernt zu werden. Wenn auch nur ein bisschen. Aber vielleicht bis bald!

 

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In Janas Kopf

Es ist schön warm, aber auch ordentlich vollgestopft hier oben. Wir befinden uns heute in Janas Kopf und ich weiß nicht wie es euch geht, aber es ist um einiges chaotischer, als ich es mir vorgestellt hatte. Nichts hat seinen Platz, stattdessen springen die Gedanken von einer Ecke zur nächsten, so wie sie gerade gebraucht werden. Dadurch kann Jana ziemlich schnell und flexibel denken, anstatt sich in alten Mustern gefangen zu halten. In vielen anderen Köpfen sind die Gedanken viel eher in Schubladen, Kisten und anderen einschränkenden, freiheitsberaubenden Einrichtungen organisiert. Jana kennt das nur zu gut, da auch das Reden der Leute mit solchen Schubladenköpfen so sortiert ist.

 

Wir wollen uns heute einen bestimmten Gedanken von Jana genauer angucken, aber wir brauchen gar nicht weiter danach suchen. Er springt uns entgegen, hüpft uns davon, begegnet uns wieder, denn er ist überall. Der kleine Gedanke wird größer und größer, wächst und springt, während sein Zwilling, lang ausgebreitet über anderen Gedanken dahin vegetiert, sein Drilling sich auf die Gedanken stürzt die Jana gerade zu sammeln versucht. Es gibt ihn in so vielen Ausfertigungen und da Gedanken viel komplexer sind als Worte, nur häufig in solche hinein gezwängt werden, ist es schwer ihn hier darzustellen. Das Wort Maschine taucht immer wieder auf, „du Maschine“, „du arbeitest wie ein Computer“, „Lesemaschine“ und vieles mehr. Wofür auf diesem Papier kein Raum ist, in Janas Kopf dagegen schon, sind die Erinnerungen, Bilder, Gerüche die dieser Gedanke mit sich trägt. Schließlich ist die gesprochene oder auch geschriebene Sprache nicht die einzige, die in Köpfen zu finden ist. Entgegen seines Inhaltes bewegt sich der Gedanke weder gerade noch getaktet, wirkt willkürlich statt gesteuert. Wir dringen nun in Janas Erinnerungen ein. Da wir uns innerhalb der schützenden Tintengeflechte einer Kurzgeschichte befinden ist das lediglich absolut unerhört. Im realen Leben, wollte ich gerade sagen, dürfte natürlich niemand die Gedanken eines anderen belauschen. Aber da vergaß ich wohl, dass wir über das 1948 erdachte 1984 weit hinaus sind.

Janas Erinnerungen sind ebenso durcheinander wie ihr restliches Gedankengebilde. Große und kleine Stimmen reden wild durcheinander und versuchen uns alle Geschichten zu erzählen, die zur Wahrnehmung von Janas Wirklichkeit gehören. Wir picken uns einen Moment heraus, den wir aus der Sicht von Janas Erinnerungen angucken wollen.

Eine der Stimmen erzählt, wie hell der Teppich war, bis Jana aus versehen, weil sie doch so ein Tollpatsch ist, ein wenig Rotwein darauf verschüttet hat. Wir blenden diese nebensächliche Stimme aus, bevor sie fortfährt uns über die Räumlichkeiten aufzuklären. Eine andere Stimme beginnt direkt in der Mitte, fängt mit seinen Augenbrauen an, wie sich eine von ihnen langsam, skeptisch hebt, während die andere in unscheinbarer Stille verharrt. Das meinst du doch nicht ernst, scheint die Augenbraue zu raunen, während sein Mund sagt: „Wie, du hast das Buch schon durchgelesen –sie hat den Seminarplan doch erst vorgestern hochgeladen.“ Die Stimme fährt fort uns zu vermitteln, wie Jana versucht das Thema zu wechseln, während eine andere, leisere Stimme schon beim Kern der Geschichte angelangt

ist: „Du Lesemaschine!“, ein nervöses Lachen, mehr ein mit Lauten begleitetes Lächeln von seiner Seite. Es war nur eine Abwehrreaktion von ihm, sagte die Stimme. Doch eine andere Stimme sprang sofort ein und stach sie, pikste sie.

Wir nehmen Anlauf und springen ein wenig in Zeit und Raum, hinein in eine andere Erinnerung. Jana hat gerade eine Klasse übersprungen, ist unter lauter älteren Mitschülern, versucht sich lustig und nicht zu intelligent zu geben. Doch die Erwartungshaltungen rücken von beiden Seiten auf sie zu und sie fühlt sich in die Enge getrieben. Sie versucht gut auszusehen, lässig zu wirken, mit dem Strom zu schwimmen. Aber sie muss gut sein, besser, die Beste. Der Lehrer erwartet viel, weiß schon viel, hat mehr über sie gehört als ihr lieb ist. Der Druck, ihr Ehrgeiz, der Wunsch durch Leistung Anerkennung zu bekommen. Der Spagat misslingt. Diejenigen die es noch nett meinen, vielleicht auch bewundert sprechen es aus: „Du Computer, wie machst du das nur? Was für eine Denkmaschine.“

Sie sieht Sachen, denkt Sachen die sie nicht sagt, die in ihr ersticken. Gedanken die zu weit von der Wirklichkeit der Anderen entfernt sind, um einfach erklärt werden zu können. Manchmal verliert sie den Maßstab, was einfach und was schwer ist.

Es gibt schlimmeres, Jana kann sich nicht beklagen und das tut sie auch nicht. Es geht ihr gut, sie ist zufrieden. Nur dazugehören, das kann sie nicht. Im Schein, ja, weil sie herausgefunden hat wie es geht. Ein paar ihrer Gedanken, eng aneinander geschmiegt in einer Gruppe wie Jana sich eine wünscht, arbeiten an etwas. Geht es nicht jedem so? Fragen sie sich. Jeder ist ein wenig, oder auch mehr, anders als andere. Immer im Vergleich, immer dazwischen. Die Gesellschaft ist widersprüchlich. Man soll sich anpassen, dazugehören, man selbst sein, mehr erreichen, besser sein, Leistung erbringen, nicht egoistisch sein, sich durchbeißen, ja vielleicht ist es das, durchbeißen. Man beißt sich selbst einfach durch. In zwei, drei, vielleicht vier Teile. Durchgebissen. 

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Wir wohnen alle in einem Haus

Lasst uns einen Blick werfen, auf dieses große, dreistöckige Haus in der Erich-Kästner Straße. Es ist ein alter Backsteinbau mit einer schweren, hölzernen Eingangstür. Sechs Wohnungen nennt das Haus sein eigen und jede hat es lieben Menschen als Zuhause überlassen.

Ganz unten, auf der linken Seite wohnt Familie Lem, die aber selten zuhause ist. Frau Lem ist Journalistin bei der regionalen Zeitung und engagiert sich viel bei diesem, jenem und eigentlich allem. Wenn man sie fragen würde, wofür sie das alles tut, wüsste sie die Antwort sicher nicht, würde einem aber deutlich machen, wie wichtig sie bei alledem sei. Nun gut, können wir uns sagen, solange sie anderen mit ihrer Arbeit hilft, wen kümmern dann noch die Beweggründe?

 

Herr Lem ist zurzeit teilzeitbeschäftigt, denn er kümmert sich um seinen kranken Vater. Er macht das sehr gut und wenn man ihn fragt, was es denn Neues gäbe, weiß er nichts anderes zu berichten, als wie es seinem Vater ginge und was dieser zu beklagen habe. Herr Lem ist wirklich ein einfühlsamer Mensch und seine Nachbarn wissen das zu schätzen, sofern sie ihn ausreichend kennen. Aber was Herr Lem eigentlich arbeitet, das weiß keiner so recht, weil er ja immer nur von seinem Vater erzählt. 

Das Kind der Familie Lem, Marian, muss erst noch geboren werden. Gerade befindet es sich noch wohlauf und überaus zufrieden im Bauch seiner Mutter und genießt die Zeit, in der er sich noch nicht mit all den Weiten, Themen und Abenteuern der Welt da draußen auseinander setzen muss.

Aber weiter zur gegenüberliegenden Wohnung, der mit den Fenstern nach Osten raus, sodass ihre Bewohner jeden Morgen den Sonnenaufgang bewundern könnten, wenn sie denn Interesse daran hätten. In der Tat hat Lina durchaus Interesse daran und seid sie mit ihrem Freund hier eingezogen ist, hat sie es auch immerhin schon zweimal geschafft mit anzusehen, wie die Morgensonne auf dem Weg in die Höhen des Himmels ihre Umgebung verzaubert. Normalerweise schläft Lina aber zu lange, um dieses Spektakel mit anzusehen. Denn sie liebt es, auch wenn sie schon wach ist, jede Minute, die sie neben ihrem Freund Marc im Bett verbringen kann zu genießen. Ihre Gedanken schweifen dann für gewöhnlich einmal um die Welt, nur um letztendlich an einer winzigen Kleinigkeit hängen zu bleiben. Doch sollte nun niemand annehmen, dass eine winzige Kleinigkeit es nicht wert wäre gründlich bedacht zu werden. Manchmal entstehen in Linas Kopf die genialsten Ideen und Konzepte, nach deren Umsetzung sie sich tatsächlich sinnvoll und wichtig fühlen würde. Doch am Ende steht sie immer nur auf, macht sich für die Arbeit fertig und taucht ein in das Treiben des alltäglichen Bankgeschäfts. Sie sagt oft, sie hasse was sie tue. Aber im Grunde meint sie damit nicht alles was sie tut. Sie meint ihre Arbeit, die Prinzipien nach denen ihre Arbeit funktioniert. Aber wie sinnvoll und wichtig sie in so vieler, nicht bloß beruflicher Hinsicht ist, sieht sie selten. Wenn sie ihrer Freundin Sarah wieder einmal geduldig zuhört, während der ganze Schwall an Gefühlslast, hineingezwängt in alle greifbaren Worte, durch das Telefon zu ihr durchdringt. Wenn sie für Marc Stärke zeigen muss, weil ihn diese Zweifel an sich selbst plagen und er das Gefühl nicht loswird, gegen eine immer härter werdende Wand zu rennen. Aber auch die winzigen Dinge, wie lächelnd durch die Straßen zu gehen und die Stadt damit ein klein wenig fröhlicher zu machen. Nun Marc ist ein eher stiller, zurückhaltender Mensch, dessen Größe man erst nach langer Bekanntschaft erahnen kann. Vielleicht ist das auch schon alles, was ich über ihn erzählen möchte und wer weiß, ob nun der ein oder andere von euch neugierig geworden ist und ihn einmal persönlich kennen lernen möchte. Verlassen wir nun das Erdgeschoss. Im ersten Stock werden wir uns jedoch vorerst nicht lange aufhalten, wie ihr sehen werdet. Denn auf der linken Seite wohnt, ja wohnt, ja ich kann euch leider noch nicht mal seinen Namen verraten, denn kaum einer hat ihn je gesehen. Das soll im Grunde gar nicht so mysteriös klingen, nur geht er halt nicht gerne unter andere Menschen. Nicht dass er es nicht gerne würde, aber es wäre ein großer und schwerer Schritt für ihn, den er einfachheitshalber lieber ganz vermeidet. Natürlich gibt es Tage an denen er seine Wohnung verlässt. Und hat er sie erst einmal verlassen, muss er schließlich auch irgendwie in sie zurückkehren. Nur geschieht das so leise, selten und schnell, dass er kaum jemandem je über den Weg läuft. Würde es öfter passieren, hätte ihn der ein oder andere sicher sehr gemocht, da besteht gar kein Zweifel. Besonders Marc und er hätten sich aufgrund geteilter Interessen und der beiden gegebenen Liebenswürdigkeit sicher gut verstanden. Aber so schufen sich die anderen ihr Bild von ihm aus dem Nichts, das sie über ihn wussten.

Auf der rechten Seite, über der Wohnung von Lina und Marc befindet sich eine Studenten WG. Manch einer wird jetzt vielleicht enttäuscht sein, nicht mehr über diese spannende, wundervolle Wohngemeinschaft zu erfahren, aber glaubt mir, wir werden diese faulen Herrschaften noch zu Genüge betrachten, denn sie sind es wohl, was man als das Herz dieser Geschichte bezeichnen kann. Und ja, in diesem Fall kann auch ein Herz sehr viele unterschiedliche, teils gegensätzliche Eigenschaften haben.

Also auf, die Treppe hoch und schon sind wir im dritten Stock unseres doch ganz beschaulichen Hauses angelangt. Beginnen wir, schon fast traditionell, auf der linken Seite und werfen einen Blick durch die Wohnungstür, die uns so herzlich aufgehalten wird. Darf ich vorstellen? Die freundliche Dame vor unseren Augen ist Madame, auf ihre Tierart oder vielmehr Rasse reduziert eine freundliche Pudeldame. Nach dieser Beschreibung bin ich mir beinahe sicher, dass niemand von euch ahnt, was für ein Löwe, naja manchmal auch Drache in ihr steckt –aber diese Annahme ist wohl auch nur ein Vorurteil. Hinter ihr kommen Herr und Frau Kemal zum Vorschein, ein zufriedenes, eher schon glücklich zu nennendes Ehepaar. Mögt ihr raten wie alt sie sind? Wie dem auch sei, ich werde mein Wissen spaßeshalber nicht mit euch teilen. Bekannt sind die beiden, nicht bloß bei ihren Nachbarn, für ihre Gastfreundschaft, durch die die meisten Bewohner des Hauses ihre Wohnung schon mindestens einmal von innen gesehen haben. Durch die aber auch der ein oder andere der lieben Bewohner des lebendigen Hauses in der Erich-Kästner Straße durch einen späten Besucher gestört wurde. Dies war Herrn und Frau Kemal jedoch nicht bewusst und wäre dem so, täte es ihnen bestimmt Leid den Schlaf der anderen gestört zu haben.

 

Gegenüber wohnt Klara, eine immer fröhliche, strahlend lächelnde, aber auch äußerst stolze Person. Sie ist sehr hilfsbereit, aber lässt sich nur sehr ungerne helfen. Sie ist erst vor fünf Monaten hier eingezogen und es ist das erste Mal, dass sie alleine, ohne Pfleger und Angehörige wohnt. Sie fühlt sich hier sehr wohl und freut sich immer, wenn ihr wieder einmal etwas Neues gelingt. Die Wände in ihrer Wohnung hat sie alle selbst gestrichen und auch wenn es ewig gedauert hat und nicht perfekt aussieht, ist es doch genauso geworden, wie sie es haben möchte und sich wohl fühlt. In ihrem Wohnzimmer steht ein Bonsai, den sie sich von ihrem Geld letzte Woche auf dem Markt gekauft hatte. Es war alles andere als einfach, das kleine Bäumchen hier hoch zu schleppen. Aber als ihr Marc im Treppenhaus begegnete und mit seinen im Fitnessstudio großgezogenen, gehegten und gepflegten Muskeln freundlich seine Hilfe anbot, lehnte sie freudig dankend ab. Er spricht immer langsam und ganz ulkig betont, wenn er mit ihr redet, aber das macht ihr nichts und im Grunde mag sie ihn sehr. Auch Frau Lem mag sie sehr, obwohl sie manchmal unterschiedlicher Meinung sind. Frau Lem kommt häufig zu ihr nach oben, um „mal Guten Tag zu sagen“, wie sie es nennt. Aber tatsächlich ist es manchmal doch eher ein Nach-dem-Rechten-sehen und Frau Lem hat sehr genaue Vorstellungen davon, was das Rechte ist. Hin und wieder ist sie Klara tatsächlich eine große Hilfe, auch wenn die junge Frau das nur selten zugibt. Aber meistens sind es eher unnötige, in einem herrlich wissenden Ton vorgetragene Ratschläge die Klara „das Leben so viel einfacher machen können“. 

Hoffentlich habt ihr euch nun ein Bild von dem Haus machen können, dass die Erich-Kästner Straße mit seinen Bewohnern bereichert. Nun, im Grunde haben wir nun den Rahmen, die Umgebung, in der die Studenten-WG im zweiten Stock ihr Leben führt. Natürlich trifft das nur aus der Perspektive der WG Mitglieder zu, da man die WG auch genauso gut als Teil des Rahmens des Lebens des Ehepaares Kemal oder der anderen Nachbarn sehen könnte. Aber bleiben wir einmal bei diesem Blickwinkel mit besonderem Augenmerk auf die jungen, mehr oder weniger fleißig studierenden Menschen der Wohngemeinschaft.

Wir betreten die Wohnung und kaum haben sich unsere Augen an das schummrige Licht gewöhnt, das hier vorherrschen wird bis irgendwer sich erbarmt, eine neue Lampe zu kaufen, fällt der Blick unwillkürlich auf eine Posterwand mit lustigen, politischen oder lediglich sinnlosen Sprüchen über, neben und in diversen Bildern. Kaum als Tür zu erkennen in all dem wunderbar bunten Posterchaos befindet sich der Eingang zu Jonas Zimmer. Er hat das größte von allen und um es zu Genüge auszunutzen, hat er sein Bett einfach in die Mitte gestellt, von wo aus er eine fantastische Aussicht auf seine ansonsten doch eher kahle und spärliche Einrichtung hat. Das überrascht vielleicht, wenn man hört, dass Jonas äußerst gesellig ist. Aber er lädt seine Freunde, Bekannte und die anderen netten Menschen die er so trifft nun mal nicht gerne hierher ein, weil das Aufräumen hinterher dann immer so anstrengend ist.

Er malt auch gerne und erstaunlich gut, für seine sonst so grobmotorischen Bewegungen. Jedoch hat er sehr hohe Ansprüche an sich und ist daher nie zufrieden mit den bezaubernden Bildern die er mit viel Zeitaufwand vollendet. So kommt es, dass sie für gewöhnlich eher die Mülltonne, als sein Zimmer verschönern.

Durch die laute Musik, die sich durch die eine Zimmerwand ihren Weg in Jonas Zimmer bahnt, ist es ihm keine Sekunde vergönnt zu vergessen, dass das Zimmer neben ihm Maja gehört. Sie hat keine Ahnung, dass er jedes Wort ihrer geliebten Bands verstehen kann, denn sonst würde sie die Musik auf jeden Fall leiser drehen oder auf Kopfhörer umsteigen. Aber Jonas hat sich nie beschwert und mag seine lustige, ein wenig verrückte, aber auch übermäßig kluge Mitbewohnerin viel zu sehr, um ihr das übel zu nehmen. Zurzeit wohnt Maja jedoch nicht allein in ihrem Zimmer. Ihr Freund Anton, auch Jonas bester Freund, ist vor kurzem zu ihr gezogen. Es war ein aufwändiger Umzug, denn es waren immerhin um die zehn Meter, die sie Antons Sachen tragen mussten. Er wohnte nämlich vorher in dem Zimmer direkt gegenüber von Majas. Doch nun hat ihre Fernbeziehung endlich ein Ende und sie können tagtäglich üben, sich auf die Nerven zu gehen. Bisher klappt das jedoch noch nicht zu gut, weil sie die Gegenwart des anderen viel zu glücklich macht, um jemals genervt zu sein.

Die Veränderung im WG-Leben der drei hatte sich vor ungefähr zwei Monaten ergeben, als Anton von seiner Arbeit bei der örtlichen Willkommensaktion für Geflüchtete sprach. Er hatte dort jemanden kennen gelernt, mit dem er sich sehr gut verstand. Sie hatten ähnliche Interessen und Rafik hat etwas Ähnliches wie Anton studiert. Anton fiel es sehr schwer seinen beiden Mitbewohnern gegenüber in Worte zu fassen, was ihm als ungeformte Idee im Kopf herum schwebte. Sie standen ihm beide so nahe und doch konnte er nicht einschätzen, was sie von seinem Plan halten würden. Er tastete sich langsam an das Thema heran, erzählte ihnen wie so oft von seiner Arbeit und von Rafik, den er zuvor auch schon das ein oder andere Mal erwähnt hatte. Schließlich wanderten seine Worte zu Rafiks Wohnungssuche. Zu seiner Erleichterung waren Jonas und Maja aber schneller seiner Meinung, als Anton seinen Vorschlag überhaupt aussprechen konnte. „Ja, selbstverständlich!“, rief Maja aus. „Du ziehst einfach mit in mein Zimmer und schwups, schon haben wir ein Zimmer frei. Dann wären wir eine vierer WG –passt sich gut. Kleiderhaken haben wir sowieso schon vier neben der Haustür und vier Stühle am Küchentisch, ich wüsste also nicht was dagegen sprechen sollte.“

Jonas war ebenso dafür, brachte allerdings auch mögliche Schwierigkeiten zur Sprache. Er meinte: „Lasst ihn uns erst einmal hierher einladen um zu sehen wie er so drauf ist, wie er dein Zimmer findet und so weiter. Wer weiß schon, vielleicht kommen wir auch gar nicht miteinander klar oder er will gar nicht hier einziehen.“ Aber trotz dieser Einwände hielt auch er sehr viel von Antons Vorschlag. So kam Rafik in das große Haus in der Erich-Kästner Straße. Erst nur zu Besuch, zum gemeinsamen Kochen, Waffeln backen, DVD-Abend und einfach ein bisschen plaudern und dann mit einem Koffer und dem aufregenden Gefühl der Vorfreude im Bauch, das seine Zeit mit den neu gewonnenen Freunden und Mitbewohnern ankündigte. Alle gemeinsam räumten sie die weniger sinnlosen Besitztümer von Anton in Majas Zimmer und trennten sich von dem übrigen Krimskrams. Die meisten von Antons Möbeln blieben dem Zimmer für Rafiks Bedarf erhalten.

Nun veränderte sich also das WG-Leben und ganz allmählich lebte sich ein neuer Alltag ein, der so selbstverständlich wurde, dass ihn keiner mehr so recht hinterfragte oder sich vorstellen konnte, wie es ohne ihren neuen Mitbewohner war.

Rafik ist ein rücksichtsvoller, manchmal recht stiller und ordnungsliebender Mensch. Doch obwohl er beinahe das Gegenteil von Maja ist, verstehen sich die beiden hervorragend. Ausgerechnet diese, eigentlich positive Tatsache war jedoch Anlass für die ersten, kleinen Schwierigkeiten der neu zusammenwachsenden WG. Anton wurde nämlich eifersüchtig. Er fing an gemeine Bemerkungen über Rafiks Sprachfehler zu machen, die ihm hinterher jedes Mal sofort Leid taten. Rafik begann Antons übler Laune aus dem Weg zu gehen und Maja ebenso, weil er den Grund des Ärgers erahnte.

Glücklicherweise ist Anton ein starker Charakter, der eigene Fehler einsehen kann. Er erkannte nach einer Weile, von was für eifersüchtigen, misstrauischen Gefühlen sein Verhalten hervorgerufen wurde. Er tat daraufhin das annähernd Beste, wenn auch nicht ganz einfache, um das Problem zu lösen. Er sprach mit Maja. Er gestand ihr seine Befürchtungen und ihr wiederum gelang es, sie zu zerstreuen und zu zerpflücken und gegen hübsche neue Gedanken auszutauschen.

Nun vielleicht war es doch nicht das aller Beste, was Anton hätte tun können, denn mit Rafik sprachen sie nicht darüber. Er musste sich seinen Teil denken, als der eben noch grummelig grimmige Anton nun plötzlich wieder nett zu ihm war. Aber so oder so, das Zusammenleben in der WG verläuft wieder in harmonischen Bahnen. Heute, wo wir zu Besuch sind, können wir lediglich Freunde, die gemeinsam Späße machen, sehen. Zwar wird sich später der ein oder andere über das dreckige Geschirr des anderen und der wiederum über die Stromverschwendung bei der Beleuchtung einer leeren Küche beschweren. Aber das sind alles Wehwehchen, wie sie auch irgendwie zum WG-Leben dazugehören.

Doch was denken die anderen Bewohner des Hauses über das neue WG-Mitglied? Nun ist zu hinterfragen ob das überhaupt eine berechtigte Frage ist, wo es doch unterschiedliche Wohnungen sind, wo sich der eine doch kaum um das Leben des anderen kümmert, sofern es nicht stört, oder? Tatsächlich wurden viele Gedanken, Gespräche, gar Reaktionen der lieben Menschen, die ich euch zuvor vorgestellt habe, durch den Umstand hervorgerufen, dass „der Neue“ „ein Flüchtling“ ist. Ja, tatsächlich, Rafik war geflüchtet und wenn er sich doch auch nicht in das Wort „Flüchtling“ zwängen lassen wollte, hatte das Erlebnis der Flucht und dessen, was davor lag, ihn gewissermaßen geprägt. Häufig wacht er nachts aus Träumen auf, von denen er lieber nicht erzählen möchte und manchmal driftet er einfach davon, lässt nur seinen Körper im Leben stehen und lässt den Rest von sich weite Gedankenkreise ziehen. Er musste die ganze Zeit über durchhalten, weitermachen und nun, da er es bis hierher geschafft hat, bekommt er manchmal das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben. Und doch braucht er Kraft, in großer Menge sogar. Er lernt Deutsch, begegnet immer neuen Menschen mit neuen Erwartungshaltungen und muss sich hier, nicht bloß in diesem Haus, sondern in dieser fremden Stadt, in diesem fremden Land zurecht finden. Er ist in seinem Leben schon oder auch erst einmal umgezogen. Damals, durch alles was dazwischen liegt kommen ihm die Jahre noch länger vor als sie tatsächlich sind, verließ er das Haus seiner Eltern, um zu studieren. Eine Erfahrung, wie auch seine Mitbewohner sie gemacht haben. Vieles war neu für ihn und natürlich gab es auch Schwierigkeiten. Aber es war etwas vollkommen anderes, als der Wandel den er zurzeit erlebt.

All seine Erlebnisse trägt Rafik mit sich. Jede einzelne Erfahrung in seinem Leben hat ihn ein klein wenig verändert und auch wenn er seinen Nachbarn im Treppenhaus, am Briefkasten oder auf der Straße begegnet, ist er ein Puzzle, zusammengesetzt aus all diesen Erlebnissen und seinen ganz eigenen Eigenschaften. So wie natürlich auch die anderen lieben Menschen des Hauses viel mehr sind, als an Beschreibungen in diese Geschichte passt. Als Marc ihm jedoch das erste Mal begegnete, sah er nichts von alledem was in Rafik steckt. Wie sollte er auch? Sie wechselten nur zwei, drei Worte, das war alles. Diese Begegnung schuf in Mark ein Bild und wenn Rafik einen Blick auf dieses Bild von sich hätte werfen können, hätte er vielleicht gelacht –sofern er den Humor dafür hätte aufbringen können und die Enttäuschung nicht überwogen hätte.

Lina und Rafik begegnen sich dagegen öfter, denn beide haben angefangen morgens laufen zu gehen. Nach ein paar schüchternen, atemlosen Hallo-Zurufen zwischen schnellen Laufschritten kamen sie ins Gespräch und tauschten sich über verschiedene Laufstrecken aus. So kam es, dass sie einander kennen lernten oder auch lernten, einander zu kennen.

Ja in der Tat begegnete Rafik recht schnell vielen der Bewohner des Hauses in der Erich-Kästner Straße. Frau Lem ergriff, so wie sie eben war, selbst die Initiative als sie davon hörte, dass „ein Flüchtling“ eingezogen war. Zwar überforderte sie ihn ein wenig mit ihren Hilfsangeboten, aber er war ihr dennoch sehr dankbar dafür. Die größte Hilfe aber war sie ihm, als sie ihm von all ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten erzählte. Denn die Länge der scheinbar sinnlos dahin gelebten Tage fraß ihn auf und er sehnte sich nach einem Rhythmus. Er traute sich momentan nicht zu, sehr viel Verantwortung zu übernehmen, hatte das Gefühl, dass er noch Zeit für sich brauchte. Aber er wollte gerne etwas tun, was für ihn und andere wichtig war. Mittlerweile begleitet er Frau Lem regelmäßig ins Seniorenheim, wo sie alten Menschen Gesellschaft leisten und ihnen zuhören. Rafik gefällt diese Tätigkeit sehr, jedoch muss er an diesem Ort des Alters oft an den Tod geliebter Menschen denken. Nebenbei ist es auch eine gute Möglichkeit, um Spracherfahrungen zu sammeln. Allerdings gibt es unter den älteren Herrschaften auch einige, die unangenehme Bemerkungen machen. Abends redet er oft mit seinen Mitbewohnern darüber, wenn irgendjemand etwas gesagt hat, was ihn zum Nachdenken brachte. Besonders Anton hört ihm meist geduldig zu und sagt Sachen, die ihm helfen. Aber manchmal tritt auch eine unangenehme Pause ein, nachdem er von Situationen erzählt hat, in denen er Rassismus erlebt hat. Einmal wollte Rafik Anton erzählen, dass ihn ein Mann, dem er in der Stadt begegnet war, beleidigt hatte, aber er konnte sich nicht an das unbekannte Wort erinnern, dass ihm der fremde, Mann zugerufen hatte. Der Ausdruck war: „scheiß Schmarotzer“, aber Rafik hatte lediglich „scheiß“ verstanden und wusste nicht, was „Schmarotzer bedeutete. Es ist in der Tat ein sehr merkwürdiges Wort, was sich nicht leicht einprägen lässt, wenn man es zuvor noch nie gehört hat. So hatte er das Wort, nicht aber das unangenehme Gefühl, vergessen als er mit Anton darüber sprach.

Was Anton Rafik gegenüber aber verschweigt, ist, dass sie vor seinem Einzug häufig mal bei Herrn und Frau Kemal eingeladen waren. Es waren immer lustige gemeinsame Spieleabende oder man bestellte gemeinsam etwas zu essen. Doch nun sind die Einladungen mit einem Mal verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Trifft man das Ehepaar zufällig einmal, sind sie stets bemüht deutlich zu machen, wie beschäftigt sie zurzeit sind. Was Anton aber für den wahren Grund hält, sprechen die Ehepartner noch nicht einmal aus, wenn sie unter sich sind. Dann sagt Frau Kemal etwas wie: „Ja, es ist immer unglaublich lustig, aber wir haben ja auch nicht so viel Platz. Wir kennen den Flüchtling ja auch noch gar nicht und man kann ja nie wissen.“

Einmal jedoch hatte Rafik Anton eine Geschichte über eine Reaktion auf seine Hautfarbe zu erzählen, die ihn zum Lachen brachte, wenn er daran dachte.

Ihr erinnert euch doch bestimmt noch an Klara, nicht wahr? Die ganz oben, gegenüber von Familie Kemal wohnt? Vieles von dem was die anderen Bewohner des Hauses als ihr Wissen betrachteten, hatte Klara nie gelernt. Dazu gehörten viele nützliche Sachen, aber zum Beispiel auch einige Schimpfwörter und Zuschreibungen, die Menschen an anderen Menschen befestigen und immer wieder hervorkramen, wenn sie jemandem begegnen. Viele dieser Sachen, die gerne den Namen Wissen tragen, waren irgendwie an Klara vorübergegangen. Aber sie hatte nicht das Gefühl, dass ihr irgendetwas fehlte. Als sie nun Rafik zum ersten Mal begegnete, war ihr gar nicht bewusst, dass er geflüchtet war. Woher sollte sie es auch wissen, da sie noch nichts von den anderen Bewohnern des Hauses gehört hatte. Sie wusste auch sonst nichts über ihn, war aber sehr überrascht ihn zu sehen, weil er kein Besucher zu sein schien und sie nichts davon gehört hatte, dass jemand Neues eingezogen war. Höflich wie sie war, wünschte sie ihm einen guten Tag, wie immer darauf bedacht, selbstbewusst zu klingen. Er wiederum erwiderte den Gruß, den er schon so weit perfektioniert hatte, dass man seinen Akzent kaum hören konnte. Manchmal fragte er sich zwar, ob das tatsächlich sein Ziel sein sollte, aber zumindest schien es die Erwartungshaltung zu sein. Doch aus dem „Guten Tag“ entwickelte sich ein höflicher Austausch von Informationen. Sie erfuhren von Wohnsituation, Tätigkeiten und anderen Dingen im Leben des anderen und boten einander das Du an. Es entstand eine kleine Gesprächspause und plötzlich, ganz unvermittelt sagte Klara: „Du hast aber dunkle Haut.“ Es war einfach nur eine Feststellung und Klara hatte seine Haut einfach mit ihrer eigenen verglichen. Sie war sich der Grenzen, Ungerechtigkeiten, Nachteile und Privilegien nicht bewusst, die mithilfe dieser Zuschreibung in der Vergangenheit geschaffen wurden, geschaffen werden und teils fortbestehen. Rafik sah ihrem Gesicht die angenommene Bedeutungslosigkeit dieses Satzes an und grinste. „Ich finde, du hast ganz schön blasse Haut.“, erwiderte er schmunzelnd. Damit hatte sie nicht gerechnet, aber jetzt, da er es sagte sah sie sich ihre Arme an, blickte erneut auf seine und fand sie wirklich sehr blass. Das Ende des Gesprächs bildete eine Einladung zum Tee, die Klara voll Vorfreude aussprach, da sie herrlichen Früchtetee gekauft hatte und die Rafik dankend annahm, obwohl er nicht das Geringste für Tee übrig hatte.

 

Wir haben das Ende unseres Ausfluges in das Haus in der Erich-Kästner Straße erreicht. Würden wir in einem Jahr wiederkommen, sähe wohl alles schon wieder ganz anders aus. Über die Leute, über die ich nun so viel und doch so wenig gesagt habe, gäbe es dann wohl wieder ganz andere Sachen zu sagen. Oder stellt euch vor, ihr wäret nicht mit mir, sondern beispielsweise mit Frau Lem oder jemand anderem, der selbst Teil des Hauses ist, durch die lebendigen Räume spaziert. Vermutlich wäre dann ein ganz anderes Bild vor euren Augen entstanden. 

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Eine kleine Geschichte aus großen Kinderaugen

Hannah ist noch nicht so groß. Nicht so groß wie ihre Mutter, die manchmal sogar noch ein bisschen größer wird, wenn sie die hohen, schwarzen Schuhe mit der roten Spitze vorne anzieht. Natürlich ist Hannah auch noch nicht so groß wie ihr Papa, der Mama ein winziges bisschen überragt, was er aber immer betont. Oma sagt das sei, weil das eben das einzige ist, indem er sie überragen könne. Aber Hannah ist sogar kleiner, als die meisten Kinder in ihrer Klasse. Manchmal ärgert sie das gewaltig und nicht nur das. Jonas, einer der besonders groß ist, der ärgert sie auch immer damit.

Nun wisst ihr immerhin schon eine Kleinigkeit von Hannah, die ihr aber manchmal wie ein riesiges Problem vorkommt. Wenn Hannah etwas nicht versteht sagt Papa auch oft: „Du bist halt noch nicht so groß, Hannah, das verstehst du wenn du größer bist.“ Aber was Papa nicht weiß, wenn er das sagt, ist, dass Hannah eine ganze Menge versteht. Manchmal sogar Dinge, die Mama und Papa nicht verstehen. Zum Beispiel wenn der Eisbär Knuddel, der Hannahs liebstes Stofftier ist, vorm Einschlafen noch einmal aus dem Fester schauen möchte. Hannah weiß dann, dass er nur noch einen kurzen Blick auf den Polarstern werfen möchte, bevor er dann seelenruhig einschlafen und von weiß glitzernden Schneemassen träumen kann. Mama, die ihr abends immer die Gute Nacht Geschichte vorliest versteht das nicht. Sie schimpft manchmal sogar, wenn Hannah noch einmal aufsteht, um den Bären aus dem Fenster schauen zu lassen. Sie denkt, Hannah würde das nur machen, um noch nicht ins Bett gehen zu müssen. Hin und wieder bemerkt sie liebevoll: Mein Liebling, du lässt dir aber auch immer verrückte Ausreden einfallen. Nun ist es aber für Hannah das Natürlichste von der Welt, dass ein Eisbär, der ganz weit weg von seinem Zuhause ist, etwas braucht, auf das er seinen sehnsuchtsvollen Blick richten kann. Für Mama ist es dagegen selbstverständlich, dass 2x3 6 ergibt –was für Hannah absolut gar keinen Sinn macht. Was haben denn bitte die 2 und die 3 mit der 6 zu tun? Genau genommen sind die sogar ganz schön weit voneinander entfernt. Das weiß Hannah, weil sie nun schon in die erste Klasse gekommen ist und schon ziemlich gut zählen, ja sogar schon ein bisschen + und – rechnen kann. Von der 3 sind es noch ganze 3 Schritte zur 6 und von der 2 sogar 4, also einer mehr. Wie das alles zusammenhängen soll ist Hannah ein Rätsel. Aber gut, dass sie Mika hat, der Mathe genauso wenig mag wie sie. Gemeinsam malen sie im Unterricht immer Fantasiebilder und denken sich Geschichten aus.

Neulich war Hannah mit Papa einkaufen. Sie waren zuerst im Supermarkt, wo Hannah sich einen Schokoriegel aussuchen durfte, sich dann aber für einen Apfel entschieden hat, weil der so glänzte wie der bei Schneewittchen. Vielleicht würde ja ein Prinz kommen und sie davor bewahren den giftigen Apfel zu essen. Jedoch, nein, eigentlich wollte Hannah lieber selbst die Heldin sein. Vielleicht sollte sie den Apfel auf Mikas Platz legen, nur um ihn dann zu retten, wenn er den Apfel essen wollte. Ja, sie würde ihn vor einem grausamen Schicksal bewahren und er, ja er müsste ihr dann auf ewig dafür dankbar sein. Was für ein herrlicher Gedanke. So träumte sie selbstverliebt vor sich hin, während sie vom Supermarkt in die Einkaufsstraße gingen. Papa wollte noch zur Drogerie, um wie er sagte „etwas zu besorgen, das für Erwachsene, die sich sehr gerne mögen sehr wichtig sein kann.“ Hannah spielte in der Zeit mit einem Hund, der einer netten Dame gehörte.

Da kam auf einmal ein Mann zu ihnen herüber. Er kam genau in dem Augenblick, in dem auch Papa wieder aus dem Laden kam.

Hannah hatte keine Angst vor dem fremden Mann. Nein, es war vielleicht Respekt, aber sicher keine Angst. Sie sah den Ausdruck in seinem Gesicht, in seinen Augen, und sie verstand, dass dieser Mann Hunger hatte, dass er litt und dass es ihm schwer fiel um Hilfe zu bitten, er aber dennoch welche benötigte.

Auch ihr Vater verstand die Situation. Aber vollkommen anders als Hannah. Er sah den verwahrlost aussehenden, aufdringlichen Bettler, der seiner Tochter unverschämt nahe kam.

Was keiner der Anwesenden sah war das, was den Mann in diese Situation gebracht hatte, was vor dem Anblick des Augenblicks stand. Hannahs Papa beurteilte den Mann nach seinem äußeren Erscheinungsbild und sah ihn als Bettler in einer bedauernswerten, aber vor allem erbärmlichen gesellschaftlichen Stellung. Hannah weiß nicht mal, was eine gesellschaftliche Stellung ist, aber auch sie konnte nicht wissen, was zuvor geschehen war. Dass der Mann noch vor kurzem ein Professor war, ein Zuhause hatte und ein zufriedenes, nicht ausschweifendes, berauschendes, sondern ruhiges aber gemütliches Leben geführt hatte, konnte keiner wissen. Hätte Hannahs Papa dem Fremden in diesem Abschnitt seines Lebens gegenüber gestanden, so hätte er ihn sicher mit Respekt behandelt. Doch war dieser Mensch, in all seiner Zufriedenheit und mit stattlichem Erscheinungsbild mehr wert, als der Mann der nun auf ihr Kleingelt angewiesen war?

All diese Fragen konnte sich Hannah nicht stellen, weil sie nichts über den Mann wusste, was sie nicht aus seinem Auftreten lesen konnte. Papa zog sie in seine Arme, nahm sie an die Hand und sagte, sie müssten nun weiter. Sie machten noch ein paar Besorgungen und abends, als Mama nach Hause kam, hatten sie viel zu erzählen. Nur, dass sie plötzlich ganz unterschiedliche Sachen erzählten. Komisch, dachte Hannah, hatten sie nicht alles gemeinsam erlebt? Papa vergaß den Mann in seiner Erzählung vollkommen, als würde es ihn gar nicht geben. Als er aber von der Werbung für die schicke Uhr sprach, die er sich vielleicht kaufen würde, wunderte sich Hannah, weil sie davon gar nichts mitbekommen hatte.

Nach dem Essen holte Hannah ihren kleinen Klappspiegel aus ihrem Zimmer. Sie hatte nachgedacht und wollte etwas nachgucken. „Papa“, sagte sie. „Lass mich mal deine Augen angucken.“ „Bitte was möchtest du mein Schatz? Meine Augen angucken? Na wenn du das gerne möchtest, werde ich dich nicht aufhalten.“ antwortete ihr Papa lachend. Er setzte sich brav auf den Stuhl, den Hannah ihm anbot und ließ die ganze Prozedur grinsend über sich ergehen. Ganz genau sah sich Hannah die beiden Augen ihres Vaters an und dann in dem kleinen Spiegel auch ihre eigenen. Seine waren viel größer als die ihren, hatten eine andere Farbe und ja, vielleicht, ja man konnte sie irgendwie glubschig nennen. „Ja“, dachte Hannah. „Das wäre das passende Wort, glubschig.“ Nun kam Mama ins Zimmer und wunderte sich sehr über das Spektakel. Aber Hannah hatte ihre Frage schon auf den Lippen: „Mama? Sehen Menschen mit verschiedenen Augen unterschiedliche Sachen?“ Ihre Mutter begann zu lachen. „Du kommst ja auf komische Ideen! Natürlich nicht. Die Augen sehen nur einfach bei jedem anders aus.“ „Mmh“, machte Hannah und schaute nachdenklich aus dem Fenster.

An diesem Abend sah sie gemeinsam mit ihrem Eisbären Knuddel aus dem Fenster und betrachtete den Polarstern. Mama hatte ihr eine Geschichte vorgelesen und war dann nach unten zu Papa gegangen, woraufhin sich Hannah wieder aus dem Bett geschlichen hatte. Nun haftete ihr Blick auf dem kleinen, leuchtenden Punkt in der Ferne. Knuddel hatte sich eng an sie gekuschelt und plötzlich kam ihr der Gedanke, dass ihr Kuschelbär in diesem Augenblick vielleicht auch etwas anderes sah als sie selbst. Für ihn war der Stern, der mit seinem hellen Licht den Himmel regierte ein Zeichen, dass für Heimat, Sehnsucht, Zuhause stand. Für Hannah aber stand dort ein Stern am Himmel, der mit seinem hellen Licht im dunklen Nachthimmel ausgesprochen schön anzusehen war. „Mmh“, machte sie und mit einem Mal fand sie einen frisch entstandenen Gedanken in ihrem Kopf. „Es liegt gar nicht an den Augen“, murmelte sie innerlich. „Es sind die Gedanken im Kopf! Papa denkt andere Gedanken als ich und ich denke andere Gedanken als Knuddel und mit anderen Gedanken im Kopf sieht man verschieden.“ Sie verkroch sich wieder in ihrem Bett, machte es sich gemütlich und mit Gedanken über Gedanken im Kopf und natürlich mit Knuddel in ihrem Arm, schlief sie schließlich ein.

Was sie sich jedoch nicht fragen konnte ist, was für Gedanken die Erzählerin dieser Geschichte im Kopf hatte, als sie Hannah bei ihren kleinen, aber eben doch ganz großen Erlebnissen zusah. 

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Tautropfenzart

Ein Hauch, die Stimmung hängt leise

Ihr zartes Antlitz zerbrechlich verstummt.

Nur eine Sekunde, der Atem erstarrt,

schon ist er vorüber, der Moment.

 

Es ist ein Wimpernschlag, kaum mehr,

nur vereint mit dem Drängen nach mehr.

Doch suchst du ihn, verlangst du ihn,

weist er dich voll Kälte zurück.

 

Kommt geflogen, tautropfenzart,

lässt sich lieben, sommernachtsnah,

doch weicht er zurück, eiszapfenhart

Kaum sind wir ihn gewahr.

 

Ein Sonnenstrahl im Morgendunst,

ganz unschuldig, unnahbar fern,

Eine Knospe, fein und mild,

kaum geboren und dennoch dein.

 

Es ist der erste Gruß des Frühlings,

ein erstes frohlockendes Plärren,

kommt selig entweichend aus seinem Kindesmund.

Doch narrt uns der weichende Winter, mit seinem Eisesschlund. 

 

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Eine alltägliche Geschichte an einem Ort meiner Wahrnehmung

Wir befinden uns heute im ausgedachten Londoner Stadtteil Gardenwich, wo viele wundervolle, ausgedachte Menschen leben. Leider kann ich nicht einen jeden von ihnen genauso beschreiben, wie er ist. Obwohl jeder es wert wäre, die Bekanntschaft mit ihm zu machen. Nur haben sie alle so furchtbar –nein beeindruckend- viele Eigenschaften, dass eine treffende Beschreibung kaum möglich ist. Aber geh doch am besten selbst einmal hin, um den ein oder anderen kennen und lieben zu lernen. Nun, ich werde mein Bestes geben und die Welt um mich herum aus meinen eigenen kleinen und beschränkten Augen beschreiben. 

Ich zeige sie euch, wie ich sie wahrnehme, während ich die kleine, niedliche Straße entlangschlendere, die zwischen den einnehmenden, freundlichen Reihenhäuschen der Vorstadt, jeweils mit ihren eigenen kleinen Gärten, und dem Roadworth Park entlang führt. Es ist erst halb neun Uhr am Morgen und einige Kinder machen sich gerade erst auf den Weg in die Schule. Da ist beispielsweise der kleine Samuel, von seinen Freunden immer nur Sam genannt, was aber ja auch viel netter klingt. Er fühlt sich schon ziemlich groß, wie er da in seiner Schuluniform neben seinen Geschwistern steht und ihnen die aus seiner Sicht wichtigsten Dinge in ihrem noch so jungen Leben erklärt. Da wird die Weisheit des kürzesten Schulwegs und das coolste Spiel in der Pause schnell einmal wichtiger als die hohe Miete, die ihre Mutter zusammenbringen muss, um ihre Kinder in dieser Gegend aufwachsen zu lassen.

Sam geht nun voran und führt seine Geschwisterbande den Fußweg entlang, immer noch in einem fort mit wissendem Ton auf sie einredend. Leider kann ich euch nicht berichten, was sie sagen, denn sie haben in eine andere Sprache gewechselt. Nun gut, letztendlich ginge es mich wohl auch kaum etwas an, obwohl ich das kleine Prickeln der Neugierde ständig verspüre, wenn sich Leute um mich herum in einer anderen Sprache unterhalten. Vielleicht sollte ich mein restliches Leben verwenden, um Sprachen zu lernen. Nur bräuchte ich dann noch eines, um diese Schätze der Redekunst dann auch anwenden zu können.

Eine Weile gehe ich direkt hinter den Geschwistern, vorbei an kleinen Läden mit nützlichen und weniger nützlichen Dingen, die aber größtenteils eifrig gekauft werden. Schließlich biegen die drei links in Richtung Schule ab und nun berichte ich euch von einem ebenso alltäglichen Anblick, wie dem von Fußgängern und Schülern auf dem Schulweg. Denn letztendlich geht es um nichts Geringeres als eine Zeitung. Oder ein Kiosk, einen Mann, eine Frau, Menschen. Da liegt sie, die Zeitung. Wohlgemerkt eine herkömmliche Tageszeitung. Da liegt sie und starrt mich an, nicht nur sie, sondern jeder einzelne ihrer Buchstaben richtet seinen starren Blick auf mich. Tatsächlich starre ich zurück und obwohl ich mich selbst nicht als eitel bezeichnen möchte, will ich nicht wissen, wie ich in diesem Moment aussehe. Zumindest steht der künftige Besitzer dieser Zeitung mit dem Rücken zu mir. Connor mit Namen, um ihn erstmal vorzustellen. Mit seinen, im Verhältnis zu seiner stattlichen Körpergröße, doch eher kleinen Händen rückt er seine Brille mit ihren runden, dicken Gläsern zurecht und lächelt sein gutmütiges Lächeln. Vielleicht will er damit die junge, aber äußerst selbstbewusste Verkäuferin Shanta beeindrucken, die mit ihren Fingern ungeduldig auf dem Verkaufstresen trommelt, während er das Wechselgeld herauskramt. Jeder für sich sind sie äußerst liebenswerte Personen, jedoch äußerst verschieden vom Gemüt. Ich könnte euch an dieser Stelle verraten, dass sie in fünf Jahren tatsächlich einmal miteinander ausgehen werden, aber vermutlich ist das auch nicht weiter von Interesse. Stattdessen verrate ich euch lieber, was Shanta dachte, als sie heute Morgen in aller Frühe die Zeitungen dorthin legte, wo wir sie jetzt sehen können –sofern ihr denn aufmerksam gefolgt seid. 

Sie sah die Schlagzeilen, überflog den Text und schüttelte den Kopf: „Wo soll das mit den Flüchtlingen denn bloß noch hinführen.“ Sie legte die Zeitung hin, ging zum Kühlregal, um es mit frischen Leckereien aufzufüllen und war in Gedanken schon wieder bei den nötigen Bestellungen für den Laden. Vielleicht war es Desinteresse, aber vielleicht, ja vielleicht kramte sie ja auch absichtlich ihren gesamten Vorrat an Desinteresse hervor, um sich von den Gedanken, Sorgen und dem Mitfühlen zu schützen. Ihre Freundin Sarah hatte auch schon oft versucht mit ihr über dieses Thema zu diskutieren. Sarah war bei einer Londoner Organisation, die sich für Geflüchtete einsetzte tätig. Aber Shanta blockte jedes Mal ab und versuchte das Gespräch entschieden auf ein anderes Thema zu lenken. Vielleicht kann man das auch ganz gut verstehen. Stellt euch doch nur einmal vor, man würde mit jedem unglücklichen Kind auf der Welt mitfühlen. Ob es nun da oder dort wohnt, groß oder klein ist, dieses oder jenes ihm zusetzt. Dann wäre man wohl entweder ein gebrochener Mensch oder, ja oder, wenn es einem jeden so ginge, gäbe es innerhalb kürzester Zeit vielleicht nicht mehr solch ein Meer von Unglück auf der Welt. Soweit die Theorie, aber nun kehren wir zurück in die Welt des kleinen Kiosks von Shanta. 

Connor ist mittlerweile zum stolzen Besitzer einer Tageszeitung geworden, die er sich, ganz ohne die Berichterstattung zu hinterfragen, zu Gemüte führen wird. Selbstverständlich nicht hier auf der Straße, sondern in der U-Bahn, auf dem Weg ins Büro. „Jaja“, wird er sich dabei denken. „Was so alles passiert auf der Welt.“ Dabei wird er die Seite mit dem Bericht eines geflüchteten Mannes, sowie den Artikel über die Spanne zwischen Arm und Reich in London gekonnt überblättern und letztendlich an einer fragwürdig ausgewerteten Statistik zum Kekskonsum in den letzten 10 Jahren hängen bleiben.

Ich wiederum denke nicht an das was ich selbst alles tagtäglich falsch mache und wie ich mich gerade erst gestern vollkommen rücksichtslos verhalten habe und vor einer Woche tatsächlich den Geburtstag meiner eigenen Mutter vergaß, weil ich wieder mal nur an meine eigenen Angelegenheiten dachte. Stattdessen hinterfrage ich die Gedanken der liebenswerten, verrückten, langweiligen, überaus freundlichen oder doch eher schweigsamen Menschen in meiner Umgebung.

Nach all den Gedankenspielen stehe ich immer noch in dem kleinen, aber gut gerüsteten Kiosk von Shanta und sehe mich einer Wand mit Magneten gegenüber. Es gibt sie in allen Formen und Farben, mit verrückten Figürchen darauf und mir sticht einer mit schwarzem Hintergrund und pinkfarbener Aufschrift ins Auge: „We are all human.“

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Glückliche Momente

Wir liegen im Gras und die Sonne scheint sanft auf unsere Körper. Ich spüre ihn neben mir und mein Herz fühlt sich ganz warm an. Meine Augen sind geschlossen, aber es macht keinen Unterschied, weil ich sowieso nur ihn sehe. Wenn ich träume, wenn ich schlafe, wenn ich lebe. Mit zärtlichen Fingern streichelt er meinen Arm, meinen Bauch, meine Brüste, während sein Mund meinen Hals liebkost. Ich liebe diesen Ort. Und ich liebe ihn. Schon als Kinder haben wir hier gemeinsam gespielt.

Er flüstert mir ins Ohr: „Du bist wunderschön.“ Seine Nase kitzelt mich dabei und ich muss unwillkürlich anfangen zu kichern. Ich kann es kaum fassen, wie glücklich ich mich fühle. Meine Hand ertastet nun sein Gesicht, ich öffne meine Augen, sehe in seine und fühle die Liebe. Sein Mund findet den Meinen und wir küssen uns. Sanft, zärtlich, liebevoll, leidenschaftlich, voller Begierde, spüren den anderen. Wir lieben uns hier, im Gras auf meiner Lieblingswiese.
Doch plötzlich höre ich jemanden. Ich rufe: „Oh nein, schnell, wir müssen uns verstecken, da kommt jemand.“ Aber noch immer kann ich nicht aufhören zu kichern.
                                                                                                                               *

„Mrs. Blum? Mrs. Blum? Können Sie mich hören?“
„Oh nein, schnell, wir müssen uns verstecken! Da kommt jemand!“
„Mrs. Blum, niemand muss sich hier verstecken. Und hören Sie endlich mit diesem dämlichen Gekicher auf. Es ist Zeit für Ihre Medizin.“
„Schatz, ich höre wie da jemand meinen Namen ruft!“
„Mrs. Blum! Hören Sie jetzt endlich auf zu fantasieren! Ich habe keine Zeit für so etwas. Seien Sie jetzt schön brav und nehmen Sie Ihre Medizin. Es ist nur zu Ihrem Besten.“
„Medizin? Was für Medizin? Wer sind Sie? Ich kenne sie nicht? Wo ist mein Verlobter?“
„Jetzt seien Sie doch vernünftig! Sie sehen mich jeden Tag! Mrs Blum! Sie sind 82, ihr Mann ist tot und sie sind alt und verwirrt.“
Mrs. Blum riss die Augen weit auf und begann den Kopf zu schütteln. Begleitet von sinnlosem Geplapper, das in einem nicht versiegen wollendem Schwall aus ihrem Mund floss, drehte sie sich um und starrte aus dem Fenster.
„Ihre verdammte Demenz treibt mich selbst auch noch in den Wahnsinn. Lange werde ich Ihrer lieben Tochter diesen Gefallen nicht mehr tun und dann kommen sie in ein Heim. Wollen sie das?“
Mrs. Blum starrte weiter aus dem Fenster, aber zwischen all dem Gemurmel waren fünf leise Worte zu verstehen: „Ich liebe dich auch, Schatz.“

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Schreiben als Bewegung die Kurzgeschichten einsperrt oder Schreiben als das Freilassen von Geschichten und Gedichten, weil sie dann gelesen werden können
Schreiben. Handbewegungen die Geschichten einsperren - Handbewegungen die Geschichten freilassen?

Erster Entwurf der Kurzgeschichte "Eine alltägliche Geschichte an einem Ort meiner Wahrnehmung" 






"Life is a long lesson in humility." James M. Barrie