Der Gang der Erinnerung

Ein kalter Windstoß erfasst die Tür und hält sie fest umschlossen. Die Kälte sickert über die Türschwelle der geschlossenenen Tür und durch die Fenster, die im Takt des Windes leise beben. Du spürst sie in dir, die Kälte, während dein Blick zu dem Bild wandert.

Es ist eine fressende, heißhungrige Kälte, die nichts neben sich duldet. Es ist eine gebärende, fruchtbare Kälte, die aus schönen, warmen Bildern der Vergangenheit besteht -erkaltet nur durch die Trauer, dass sie vergangen sind und die Person, die sie ausmachte, nicht zurückkommen wird.

Es ist nun schon viele Jahre her und es ist dir gelungen dankbar zu sein, dass dir die schöne Zeit mit ihm vergönnt war. Daran zu denken, was für ein schönes Leben er hatte und was er erleben durfte, anstatt immer nur an das abrupte Ende. Es tut gut, die Vergangenheit zu schätzen, mit warmem Herzen und einem verträumten, liebevollen Lächeln auf den Lippen. Aber heute ist dir das nicht möglich.

Heute wäre er 21 Jahre alt gewoden. Hätte er jemals so alt werden können. Du willst mit ihm darüber reden, ihm deine Trauer anvertrauen. Denn er war der einzige, der dir immer bedingungslos zuhörte.

Er würde dir auch jetzt zuhören, auch wenn es ihn schmerzen würde, von deiner Trauer zu hören. Er würde sich wünschen, dich glücklich zu sehen. Weil er dich liebt, zu dir aufschaut und mit dir gemeinsam euer Glück spüren will. So wie es immer war, als ihr die warme Sommerluft durchbrochen habt und über die Wiesen gerannt seid - das kitzelnde Graß unter deinen nackten Füßen.

In deiner Vorstellung sprichst du mit ihm. Stumme Worte, die in Stille verstanden werden. So, wie es immer zwischen euch war. Mit niemandem sonst kannst du reden, über das, was in dir vorgeht. Niemandem sonst, kannst du deine wahre Trauer anvertrauen. Denn sie würden nicht verstehen. Denn sie haben nie verstanden. Wenn sie ihn anschauten, sahen sie bloß seine Hülle, aber nie die Person. Er war keine Person für sie. Sie würden nicht verstehen, wie du um ihn trauerst. Würden nicht verstehen, welch geschwisterliches Band zwischen euch gewachsen war. Dass seine Sicherheit immer da war, auch wenn die deiner Familie es nicht war.

Du schüttelst den Kopf und deine sanften Locken fliegen. Ein Lächeln kommt zum Vorschein. Erst zaghaft, dann immer kräftiger, willensstark verbreibt es die Kälte.

Denn heute, ist sein Geburtstag.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0