Durchbrochen

Es war Schlafenszeit. Mama war schon im Zimmer gewesen, um ihn zuzudecken und Gute Nacht zu sagen. Papa hatte ihm schon eine Gute Nacht Geschichte vorgelesen, mit bedächtigem Blick, durchbrochen von dem ein oder anderen Schmunzeln. Nun war Schlafenszeit. Doch er wollte nicht schlafen. Wollte nicht in die Welt der Träume, die noch schrecklicher war, als die Wirklichkeit. Eine Welt in der sich die Erlebnisse der Vergangenheit mit den Ängsten über seine Zukunft vermischten. 

Er kämpfte mit seinen Augen, damit sie offenblieben, damit sie den Schritt in diese abscheuliche Welt nicht wagten. Nach Nächten des immer gleichen Erlebens, wusste er, was ihn erwartete. Zunächst hielt er den Atem an und zählte. Erst vorwärts, dann rückwärts. Erst auf Arabisch, dann auf Deutsch und auch nochmal auf Englisch, was jedoch nur stockend gelang. Seine Augen wurden trotz allem immer schwerer und seine Gedanken drohten zu entschwinden.

Er wusste was kommen würde. Zu den Bildern aus seinen Erinnerungen, Bildern die er nicht haben wollte, weil sie den Blick auf die schöne Zeit davor versperrten, mischten sich die Stimmen und Momente des Klassenzimmers und Pausenhofs. Die anderen Kinder mochten ihn nicht. Das wusste er, denn sie zeigten es ihm jeden Tag aufs Neue. Er war sehr still und glaubte, dass er auch langweilig war, und oft konnte er ihre Witze nicht verstehen. Trotz allem hatte er aber zwei Freunde. Zwei Kinder aus seiner Klasse, die ihn mochten und die er auch sehr mochte.

In seinen Träumen hatte er niemanden mehr. In seinen Träumen wussten sie es. Tagsüber, außerhalb seiner Träume, war er sich sogar selbst manchmal nicht sicher. Aber dann kam immer wieder einer dieser Momente, in denen er es spürte. Dass er nicht so sein konnte, wie die anderen es erwarteten. Dass er sich nicht wehren konnte, weil er es nicht wollte.

Es gab einen Jungen auf seiner Schule, der viel größer war als die anderen Kinder. Wenn er ein T-Shirt trug, konnte man sehen, dass er bereits richtige Muskeln hatte, die seine Arme zu bedrohlichen Waffen machten. Der große Junge nutzte sie auch, diese Waffen. Und niemand traute sich, diesen Jungen Kanake zu nennen. Er stellte es sich so vor: Alles Erlebte, all die Gemeinheiten und dunklen Erinnerungen wurden fest, genauso wie sie bei ihm selbst mitten in seinem Magen fest wurden. Nur, dass sie bei dem starken Jungen aus seiner Schule nicht in den Magen gingen. Sie wurden fest und hart und zogen in seine Arme. Und wenn er jemanden schlug, dann ließ er sie frei.

Tagsüber hasste er diesen Jungen. Hasste ihn, aber fürchtete sich auch vor ihm. Ein bisschen Bewunderung mischte sich unter die Angst, aber des Nachts veränderte es sich. In seinen Träumen sah er das starke, schöne Gesicht, mit den warmen, dunklen Augen ganz dich vor sich. Sah die straffen, harten Arme, wollte sie berühren, wollte sie streicheln. Er spürte etwas, dass er nicht benennen konnte, denn er wusste nicht, was Verlangen war. Er wollte die Stärke des Jungen um sich haben, ihn um sich spüren. Wollte seine Nähe und dass sie ihn vor dem Rest der Welt beschützte.

In seinen Träumen sahen sie sich an. Liebevoll. Und der harte Blick des älteren, stärkeren Jungen schmolz.

Dann der Bruch. Das Bild der Zweisamkeit, das sanfte Lächeln des sonst Unnahbaren und selbst der Blick, voll Wärme und Stärke – brach. Es zerbrach an einem leisen Knarren. Dem schleichenden Geräusch der sich öffnenden Tür und einer Wand aus Worten, die ihnen entgegenprallte und sie zu ersticken drohte. Sie kamen aus einem gesichterlosen Meer von Kindern. Es waren Worte, die ihm vertraut waren. Die er schon so oft gehört hatte, wenn ein Klassenkamerad einen Scherz gemacht hatte: „Bist du etwa eine Schwuchtel?“. Oder wenn der nervige Junge aus der 6. Klasse eins seiner gehässigen youtube Videos zeigte und das Mädchen, dem immer alle zuhörten, sagte: „Das ist ja voll schwuul“ und alle lachten.

In seinen Träumen mischten sich die Schimpfwörter und das Lachen und manchmal sah er Ekel und Angst aufblitzen.

 

Doch der schlimmste Moment war, wenn hinter all den Kindern plötzlich seine Eltern auftauchten. Mit versteinerten Gesichtern. Seine Eltern, die ihn immer wieder aufgebaut hatten, wenn er niedergeschlagen aus der Schule kam. Er erkannte die Enttäuschung, die hinter der steinernen Maske lag. Und mit dieser Enttäuschung über ihm ausgebreitet, wachte er auf. Wachte auf und nahm den liebevollen Guten Morgen Kuss seiner Mutter entgegen. 

 

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