Aus dem Fenster

Er runzelte die Stirn, viel mehr noch seine linke Augenbraue.  Wir stehen in seinem Büro, haben uns eingeschlichen und beobachten ihn nun. Wie er dort steht, am Fenster, und seinen Blick über die Menschenmassen auf der Straße schweifen lässt. Ja vielmehr noch als ihn selbst, betrachten wir seinen Blick, der sieht, zu sehen meint und wertend erschafft. Ungesehen, still und doch kraftvoll liegt dieser Blick auf den Geschehnissen. Er nimmt die Menschen, ihre Fahnen und Schilder, ihre Farben und Sprüche, alles eingesperrt von ihrer äußeren Erscheinung, und macht aus ihnen eine hässliche Fratze, eine Lüge über einen Bruchteil von dem was sie sind. 

In seinem Köpf sind Wörter wie Ausländer, Migranten, Kanaken. Da sind Geschichten und Bilder, mit denen sich die Menschen in seiner Umgebung gegenseitig füttern. Aber er wendet nicht einfach mit verachtenden Ausdruck den Blick ab. Er bleibt und schaut. Er sieht die bunten Flaggen, doch sieht weder ihre Bedeutung noch ihre Offenheit. Für ihn verschwinden sie gemeinsam mit den Menschen in Massen. In einer einzigen gewaltigen Masse, die bedrohlich weiterrollt. Es erschreckt ihn, wie viele dort unten entlang marschieren, denkt an sein gewohntes Umfeld, vergleicht und verschränkt seine Arme. Er löst sie wieder und stützt sich mit seinen Händen auf seinen Knien ab. Die Bilder in seinem Kopf trennen ihn von den Menschen auf der Straße. Er rückt seine Krawatte zurecht und richtet sich ein wenig auf, als könnten ihn die Symbole seiner Autorität vor der vermeintlichen Gefahr schützen.

Ein vertrautes Signal aus der ihm nahen Welt, deren Grenzen er nach außen hin zu sichern versucht, reißt ihn aus seiner Starre. Es klopft an seiner Bürotür. Mit der Stimme, die seiner Position angemessen ist und sie verteidigt, noch bevor ein Grund sichtbar wird, bittet er seinen Besucher herein. Es ist einer seiner Mitarbeiter. Fleißig und mit guten Kontakten, die dem Unternehmen schon einiges eingebracht haben. Er ist immer überpünktlich, aber in Konferenzen meist erst vorsichtig zurückhaltend. Nur wenn er dann etwas sagt, ist es meist ein gut überlegter, wichtiger Beitrag. Seine Prognosen für sein nächstes Projekt sehen derart vielversprechend aus, dass sein Chef, unser nun schon leicht vertrauter Bekannter, überlegt das Budget zu erhöhen.

„Entschuldigen Sie die Störung, Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich jetzt gehe, wie ich es mit Frau Blum abgesprochen habe.“ Sein Chef sah ihn überrascht von seinem Bürostuhl aus an: „Sie hat mich gar nicht darüber in Kenntnis gesetzt. Aber nun gut, solange alles vorbereitet ist. Wie kommt es, dass Sie heute früher gehen?“ Die Antwort des Mitarbeiters verlässt seinen Mund nur zögerlich: „Es ist der Protest. Also, ich möchte daran teilnehmen. Sie können ihn von Ihrem Fenster aus sehen, nehme ich an.“ Für einen Moment öffnete sich der Mund des Chefs leicht, nur um gleich darauf wieder unter Kontrolle gebracht zu werden. Sein Mitarbeiter beeilte sich derweil, einen Ausgang aus dem Gespräch zu finden: „Die Papiere für die Verhandlungen morgen habe ich verschickt und die fertige Mappe müsste in Ihrem Fach liegen. Wenn Sie mich nicht mehr benötigen, würde ich mich auf den Weg machen.“

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, wirbelten die Gedanken im Kopf des Chefs ein neues Bild von ihm zurecht. Im Grunde waren es immer noch die gleichen Striche und Farben, aber dennoch sah es mit einem Mal irgendwie anders aus. Handlungen wurden neu bewertet, das Bild des fleißigen Mitarbeiters mit dem des Ausländers in der Menschenmasse auf der Straße verglichen. Zuvor nie so wahrgenommen, wurde er durch sein Bekenntnis der Zugehörigkeit in den Augen des Mannes am Fenster, zu dem Anderen, dem Fremden, möglicherweise bedrohlichen Gegenüber. Was der Mann, der nun in seinem einladenden Bürosessel die Stirn in Falten legte und die Arme verschränkte, nicht sieht, ist, ja ist alles, was hinter diesem kleinen und beschränkten Bild liegt. Er sieht nicht, wie sein bemühter Mitarbeiter sich täglich aufs Neue versucht, die Vorurteile seiner Mitmenschen zu erraten, zu analysieren, nur um dann einen Slalom um sie herum zu vollführen. Er achtet auf die teils überhebliche Aussprache in seinem Arbeitsumfeld, die Betonungen und Wortwahl, orientiert sich an den respektierten Personen. Er handelt entgegen dessen, was er als Erwartungshaltung, als Vorurteil annimmt. Ist er unpünktlich, ist er der unpünktliche Ausländer, kein Individuum mit einem Hang zur Vergesslichkeit. Betont er die Silben der Worte anders, benutzt er gar andere Worte, nur ein einziges, wird sichtbar, welchen sozialen Sprung er hinter sich hat. Schafft er alles perfekt, wird er ein Teil dessen was er anstrebte. Aber die Verbindung zu dem was ihm zuvor zugeschrieben wurde, wird darin unsichtbar. So bleibt das Bild der Gruppe, wie es ist, da er nun als Einzelner in mitten der Norm bewertet wird.

Doch das sind bloß die Kanten, die ersten Anfänge der Geschichten, die hinter dem Eindruck liegen, den sein Chef bisher von ihm hatte.

 

Dieser Chef, den wir heute so unnachgiebig beobachtet haben, in dessen Gedankenwelt wir unerlaubt eingedrungen sind, starrt wieder aus seinem uns schon vertrauten Bürofenster. Er schaut auf die Massen, doch sieht die Menschen nicht. Noch immer nicht. Er blickt von oben auf die Menschen herab und merkt nicht, dass es sein Blick ist, der nach oben führt. Merkt nicht, auf welcher Höhe sie, auf welcher Höhe er, auf welcher Höhe wir alle, gemeinsam stehen. 

 

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