Die Schatten unserer Nacht

Wir bewegen uns im tiefen Schatten der Nacht. Es ist nicht die Nacht der uns die Natur ausliefert, jeden Tag neu, eintretend mit der schwindenden Sonne. Nein, es ist eine Nacht in uns, die uns folgt und deren Schatten schwerer wiegen, als es einem wahrhaftigen Schatten jemals möglich sein wird. Manchmal bahnen sich diese Schatten langsam an, vielleicht ganz leise, vielleicht aber auch verräterisch laut. Du kannst sie dann in den Augen erkennen, schau deinem Gegenüber in die Augen, dort, ganz genau dort kannst du sie sehen.

Sie sprechen zu dir noch ehe ihr Besitzer sie ausspricht, bevor seine Worte den Schatten ihre Freiheit geben, bevor sie aus ihm herausbrechen und auf dich einstürzen. Nun sehe ich die Schatten in deinen Augen, nur ganz leicht, aber ich kenne sie gut und erkenne sie schnell. Es ist der Schatten, der die Nacht in dir, nein die Nacht in mir, die Nacht die du über mich bringst, verrät. Es sind die Gedankenbauten, Mauern im Kopf, Gefängnisse aus Vorstellungen die diese Nacht vom Tag trennen. In diesem einen Moment ist es deine Vorstellung von der Nacht. Dein Bild, das mich erdrückt. Denn deine Nacht ist schwarz. Wenn ich von Nacht rede, von Schatten, dann denkst du schwarz. Sage ich unheimlich, schaurig, beängstigend, denkst du dunkel, denkst du schwarz. Nein, widerspreche ich dir. Diese Nacht, die Nacht die mir meine Schrecken bringt, ist nicht schwarz. Sie ist weiß. Sie ist nicht das weiß des Schnees, so wie dein Schwarz nicht das tatsächliche Schwarz der Nacht ist. Es ist das Weiß das die Mauern in deinem Kopf, auch in meinem, in unseren Köpfen gebaut hat. Das Weiß das niemals weiß war, das Weiß das in gesehener Normalität untergeht, das Weiß das so wenig weiß ist wie das Schwarz schwarz ist. Doch all das bleibt dir verborgen. Du siehst das Weiß nicht, weil du es nie sehen musstest. Und so bewegen wir uns in der Nacht. Einer Nacht voll von Bildern, von Gedankenbauten, Mauern. Einer Nacht voller Schatten. 

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