Eine unmöglich schöne Art, das Leben zu betrachten

Schauen wir einmal hinein, in die kleinen, aber verzückenden Augen von Emily. Oder besser hinaus, denn wir wollen mit Emilys Blick die Welt erfassen. Es sind jedoch nicht bloß ihre Augen, die diesen besonderen Blick ausmachen. Es ist zum Beispiel auch ihr Gang, fast schwebend, ganz leicht und froh, der ihre Sicht auf die großen und kleinen Dinge ausmacht. Auch ihre Art den Kopf schiefzulegen, wenn jemand etwas Gemeines gesagt hat, das Gesagte einmal rückwärts zu denken und dann zu lächeln. 

Manchmal, nein das stimmt nicht, fast immer lachen die anderen Kinder über Emily. Sie finden immer einen Grund dazu. Nur Emily findet keinen. Manchmal lachen sie über ihr Aussehen. Aber ihr Aussehen mag Emily sehr gerne. Sie mag ihre langen Arme, mit denen sie so gut klettern kann, ihre schwarzen Locken, die sie manchmal im Nacken kitzeln und ihren großen Mund, mit dem sie so unglaublich viel Plappern kann. Wenn andere ihr wegen ihres Aussehens komische Namen geben, amüsiert sie sich darüber viel köstlicher, als die lachenden Kinder um sie herum. Daraufhin werden die anderen Kinder dann immer wütend, machen noch gemeinere Witze und stampfen vielleicht mit dem Fuß auf. Spätestens dann kommt die Lehrerin, die keiner mag, weil sie so streng ist und ruft alle zur Ordnung. Emily kann verstehen, dass sie keiner mag, weil sie den anderen ja damit immer den Spaß verdirbt. Aber sie selbst mag die Lehrerin sehr gerne und glaubt ganz fest, dass unter all dem ernsten Gehabe in ihrem Kopf irgendwo bestimmt ein paar lustige Gedanken herum flitzen.

 

Einmal kam ein Mädchen in der Schule zu Emily und rief ihr zu: „Was soll denn das für ein gammliger Pulli sein? Hast du den auf der Straße gefunden?“ Tatsächlich hatte Emily an diesem Tag ihren Lieblingspullover an. Sie hatte ihn schon sehr lange, weshalb er so abgetragen und vielleicht auch ein wenig schmuddelig aussah. Aber gerade deswegen mochte Emily ihn so gerne und erinnerte sich immer an die vielen schönen Dinge, die sie mit ihm schon erlebt hatte. Sie legte den Kopf schräg, wunderte sich darüber, wie jemand ihren schönen Pullover nicht mögen konnte. Dann versuchte sie das Mädchen zu verstehen, dass selbst nur glänzende, neue Sachen trug, auf denen überall der gleiche Name mit einem Symbol darunter abgedruckt war. Vermutlich hatte sie gar keine alten Sachen mit denen sie schöne Erlebnisse verbinden konnte. Vielleicht freute sie sich auch immer sehr über ihre neuen Sachen und mochte sie ebenso gerne, wie Emily ihren alten, gehegten und gepflegten Pullover. Vielleicht wünschte sie sich für Emily eigentlich auch so viele neue Sachen, weil sie nicht verstehen konnte, wie sehr Emily ihren eigenen Pulli leiden mochte. Vielleicht machte sich das Mädchen aber auch gar keine Gedanken über Emilys Wünsche und ihr Glück. Vielleicht dachte sie einfach nur daran wie sie etwas sagen konnte, was den anderen dieses wohlbekannte Lachen entlocken konnte. Wie dem auch sei, Emily wusste, dass man die Gedanken anderer Leute niemals wissen kann. Nach diesen Überlegungen lächelte sie dem anderen Mädchen ins Gesicht, strich ihren Pullover mit langen, wohlbedachten Handbewegungen glatt und ging ihres Weges. Den irritierten Blick des Mädchens sah sie nicht mehr, denn ihre fröhlichen Augen waren zusammen mit ihren Gedanken schon weit nach vorne geeilt. Schritt um Schritt von einem glücklichen Tag mit vielen glücklichen Träumereien und Erlebnissen in eine glückliche Zukunft. 

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