Wie Ma und ich das Leben erleben 

Es ist noch ganz früh. Ma liegt neben mir und kuschelt sich an mich. Sie nimmt mir mal wieder den ganzen Platz weg, aber ich kann ihr auch nicht böse sein. Wenn ich sie wegschieben möchte, kommt etwas, dass sich wie ein kleines Mini-Knurren anhört. Niedlich, aber es ist ihr sicher ernst. Da ist ein schweres Etwas, ich glaub es ist der Schlaf. Er hat sich auf meine Augen gesetzt und nun müssen sie ein wenig kämpfen. Aber kaum habe ich es geschafft sie zu öffnen, sehe ich das Sonnenlicht. Es hat sich durch den Spalt der Gardinen in mein Zimmer geschlichen und ruft nun, laut aber zärtlich, nach Ma und mir. So huschen wir, schnell und unentdeckt aus dem Bett, aus dem Zimmer, aus dem Haus. Schnell habe ich mir noch meine Jacke übergeworfen und meine Gummistiefel angezogen. Dann kann es losgehen. 

Wenn Mama kommt und uns wecken möchte, sind wir bestimmt schon zurück. Meine Schlafanzughose guckt immer wieder unter dem Mantel hervor. 

Ich möchte euch heute ganz viel zeigen. Vieles was mir wirklich wichtig ist. Es sind ganz viele schöne Sachen, aber auch ein bisschen was nicht so Schönes. Mama sagt immer, das ist das Leben; greifst du hinein, ist deine Hand voll Stacheln und Dornen, überrankt von wunderschönen Blumen. Ich mag keine Dornen, aber die gibt es auch eigentlich nur in dem Gebüsch hinter dem Bürohaus. Da sitzen diejenigen die alles organisieren, was die Leute so beschließen, sagt Mama. Sie geht da auch oft hin, aber ich mag nie mitkommen. Es ist immer sehr langweilig dort. Mama sagt gute Laune ist manchmal gut versteckt. Es ist manchmal, als müsste man sie wie ein ganz bestimmtes, einzelnes Sandkorn aus einem riesigen Sandhaufen raussuchen. Manchmal lohnt die Mühe, sagt sie. Mittlerweile muss Mama nicht mehr oft auf die Suche gehen. Sie hat mir erzählt, dass sie, als sie klein war, oft lange Zeit das Gute-Laune-Sandkorn nicht finden konnte. Dabei hat sie sehr gründlich gesucht und ich weiß, dass Mama sehr gut suchen kann. Aber es wollte einfach nicht auftauchen. Hier, sagt sie, gibt es mehr gute Laune als Sand und das muss schon was heißen. Denn wir haben jede Menge Sand und Erde und alles was man sonst noch zum Spielen braucht. Manchmal müssen wir Kinder den größeren Leuten zeigen wie das geht. Jetzt wundert ihr euch vielleicht. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die nicht wissen wie Spielen geht. Manchmal sogar kleine Menschen, Kinder. Aber meistens sind es die Älteren. Dann zeige ich, was ich gerne mache. Danach frage ich, was sie denn gerne machen. Das macht immer besonders Spaß. Denn dann kommen besonders schöne neue Spiele zustande. Wenn man nichts vom Spielen versteht, kennt man keine Spiele. Wenn man keine Spiele kennt, muss man sich welche ausdenken. Ausgedachte Spiele sind die besten, denn es ist immer genau das, was man gerade machen möchte.

Wir gehen am besten zuerst zum Fluss. Da ist etwas ganz Besonderes, dass ich euch unbedingt zeigen möchte. So etwas habt ihr ganz bestimmt noch nie gesehen. Aber da sind erstmal Ahmed und Sfundo. Sie sind wohl auf dem Weg zum Glaubenshaus. Sie grüßen mich mit Worten, Händen, Lächeln und ich springe zu ihnen. Ma freut sich auch die beiden zu sehen. Aber sie zeigt das auf ihre Weise. Mit Schwanzwedeln und schlabbernder Begrüßung.

Sfundo bringt mir in der Schule das Lesen bei. Das macht viel Spaß und er sagt immer, lesen sei der Schlüssel, mit dem man tote Geschichten lebendig macht. Ich mag diesen Satz. Tote Geschichten lebendig machen. Aber noch viel lieber mag ich es wenn meine Mama mir einfach Geschichten erzählt. Geschichten die sie selbst erlebt hat, Geschichten über mich und Geschichten über das Leben.

Aber wir müssen nun weiter. Schließlich wollen wir wieder zurück sein, wenn Mama kommt um uns zu wecken. Normalerweise steht sie sehr früh auf, aber gestern Abend war die Versammlung. Sie findet immer in dem großen Saal neben dem Marktplatz statt. Es war sehr spannend und wir haben viel entschieden und alle haben viel geredet. Manchmal denke ich, dass der ein oder andere den ganzen Tag über Gedanken in sich hineinstopft, nur um sie dann auf der Versammlung wieder loszuwerden. Dafür geraten dann viele dieser Gedanken in meinen Kopf, wachsen und biegen sich dort zurecht und plötzlich ist mein Kopf ganz voll. Aber ich habe ja zum Glück Geschichten, die den ganzen anderen Kram vertreiben können. Mama sagt zwar, es sei wichtig sich über das Leben, das Miteinander und so weiter Gedanken zu machen. Aber sie sagt auch, dass man manchmal einfach auch ein bisschen Freiheit im Kopf braucht. Sie sagt Gedanken dürfen niemals fest werden. Dann ist die Freiheit weg. Feste Gedanken bauen Grenzen auf und wenn ich an Grenzen denke, denke ich an Stacheldraht. Ich weiß nicht genau wieso, aber bei manchen Wörtern habe ich einfach ein Bild im Kopf. Bei dem Wort Grenze ist es Stacheldraht und Stacheldraht mag ich ganz und gar nicht. Nicht nur dass er piekst und sticht, kalt und hässlich ist. Man kann ihn auch zu nichts gebrauchen. Ich kenne kein einziges Spiel, das man mit Stacheldraht spielen kann.

Guckt euch nun einmal den Fluss an. Wie eine gefräßige Schlange, aber eine nette gefräßige Schlange, schlängelt er sich durch die Gegend. Ich mag den Fluss sehr gerne, denn man kann allerhand in ihm finden. Manchmal sind es Sachen, die viel erlebt haben und von ihren Erlebnissen erzählen. Vielleicht erzählen sie auch nicht, vielleicht bin ich auch diejenige die erzählt. Das weiß ich nicht so genau. Unter einem Stein am Ufer ist das versteckt, was ich euch heute zeigen möchte. Es ist klein und geschmeidig, mit dunklen Spuren darauf. Ein gebogenes, rundes, seltsames Holzstück. Ma findet es nicht seltsam, aber ich habe noch nie ein solches Holzstück gesehen. Vielleicht ist es auch gar nicht seltsam. Vielleicht ist es nur seltsam, dass ich noch nie so etwas gesehen habe. Vielleicht kennen ja alle anderen außer mir solch geschmeidig schön geformte Holzstücke. Gestern habe ich Laura getroffen. Ich kenne sie noch nicht sehr lange. Sie ist gerade erst umgezogen und wohnt jetzt ganz nah bei Mama, Ma und mir. Ich habe ihr von dem Holzstück erzählt und davon, was es alles schon gesehen haben könnte. Es war eine lange Geschichte, denn schließlich kann das Holzstück ja schon eine ganze Menge erlebt haben. Aber Laura hat sich sehr darüber gewundert was ich alles erzählen würde. Sie hat sich aber auch über die Wörter gewundert, die ich benutze. Dabei rede ich einfach mit den Wörtern, die ich am liebsten mag. Wenn ich ein Wort höre und es leiden mag, dann packe ich es auch in meine Sätze rein. Laura dagegen redet immer von Sprachen. Sie selbst rede Englisch, sagt sie. Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich langweilig. Wenn sie nur Wörter nimmt, die sie Englisch nennt, kann sie ja gar keine anderen schönen Wörter sagen. Aber vielleicht verstehe ich auch einfach nichts davon, weil ich gar nicht so genau weiß, was Englisch ist, was Sprachen sind und warum man so etwas braucht, wenn man am Ende doch nur mit Wörtern redet. Darüber muss ich mal mit Noam reden. Wir bringen einander in der Schule immer gegenseitig neue Wörter bei. Dabei haben wir beide schon viel gelernt. Meine liebsten Wörter sind bis jetzt glaube ich being, شمس  und aufwachen. Aber eigentlich mag ich alle Wörter gerne. Jedes ist wichtig, aber nie hat man genug. Wenn ich euch mit meinen Worten von dem Fluss, dem Holzstück und meinen Geschichten erzähle, reicht das nicht. Ich glaube kaum, dass ihr es euch genauso vorstellen könnt, wie ich es vor mir sehe.

Oh, wir müssen ja zurück! Mama wird sich furchtbar wundern, wenn Ma und ich nicht im Bett liegen, wenn sie reinkommt! Dabei wollte ich euch noch so viel mehr zeigen. Es war schön, von euch kennen gelernt zu werden. Wenn auch nur ein bisschen. Aber vielleicht bis bald!

 

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