In Janas Kopf

Es ist schön warm, aber auch ordentlich vollgestopft hier oben. Wir befinden uns heute in Janas Kopf und ich weiß nicht wie es euch geht, aber es ist um einiges chaotischer, als ich es mir vorgestellt hatte. Nichts hat seinen Platz, stattdessen springen die Gedanken von einer Ecke zur nächsten, so wie sie gerade gebraucht werden. Dadurch kann Jana ziemlich schnell und flexibel denken, anstatt sich in alten Mustern gefangen zu halten. In vielen anderen Köpfen sind die Gedanken viel eher in Schubladen, Kisten und anderen einschränkenden, freiheitsberaubenden Einrichtungen organisiert. Jana kennt das nur zu gut, da auch das Reden der Leute mit solchen Schubladenköpfen so sortiert ist.

 

Wir wollen uns heute einen bestimmten Gedanken von Jana genauer angucken, aber wir brauchen gar nicht weiter danach suchen. Er springt uns entgegen, hüpft uns davon, begegnet uns wieder, denn er ist überall. Der kleine Gedanke wird größer und größer, wächst und springt, während sein Zwilling, lang ausgebreitet über anderen Gedanken dahin vegetiert, sein Drilling sich auf die Gedanken stürzt die Jana gerade zu sammeln versucht. Es gibt ihn in so vielen Ausfertigungen und da Gedanken viel komplexer sind als Worte, nur häufig in solche hinein gezwängt werden, ist es schwer ihn hier darzustellen. Das Wort Maschine taucht immer wieder auf, „du Maschine“, „du arbeitest wie ein Computer“, „Lesemaschine“ und vieles mehr. Wofür auf diesem Papier kein Raum ist, in Janas Kopf dagegen schon, sind die Erinnerungen, Bilder, Gerüche die dieser Gedanke mit sich trägt. Schließlich ist die gesprochene oder auch geschriebene Sprache nicht die einzige, die in Köpfen zu finden ist. Entgegen seines Inhaltes bewegt sich der Gedanke weder gerade noch getaktet, wirkt willkürlich statt gesteuert. Wir dringen nun in Janas Erinnerungen ein. Da wir uns innerhalb der schützenden Tintengeflechte einer Kurzgeschichte befinden ist das lediglich absolut unerhört. Im realen Leben, wollte ich gerade sagen, dürfte natürlich niemand die Gedanken eines anderen belauschen. Aber da vergaß ich wohl, dass wir über das 1948 erdachte 1984 weit hinaus sind.

Janas Erinnerungen sind ebenso durcheinander wie ihr restliches Gedankengebilde. Große und kleine Stimmen reden wild durcheinander und versuchen uns alle Geschichten zu erzählen, die zur Wahrnehmung von Janas Wirklichkeit gehören. Wir picken uns einen Moment heraus, den wir aus der Sicht von Janas Erinnerungen angucken wollen.

Eine der Stimmen erzählt, wie hell der Teppich war, bis Jana aus versehen, weil sie doch so ein Tollpatsch ist, ein wenig Rotwein darauf verschüttet hat. Wir blenden diese nebensächliche Stimme aus, bevor sie fortfährt uns über die Räumlichkeiten aufzuklären. Eine andere Stimme beginnt direkt in der Mitte, fängt mit seinen Augenbrauen an, wie sich eine von ihnen langsam, skeptisch hebt, während die andere in unscheinbarer Stille verharrt. Das meinst du doch nicht ernst, scheint die Augenbraue zu raunen, während sein Mund sagt: „Wie, du hast das Buch schon durchgelesen –sie hat den Seminarplan doch erst vorgestern hochgeladen.“ Die Stimme fährt fort uns zu vermitteln, wie Jana versucht das Thema zu wechseln, während eine andere, leisere Stimme schon beim Kern der Geschichte angelangt

ist: „Du Lesemaschine!“, ein nervöses Lachen, mehr ein mit Lauten begleitetes Lächeln von seiner Seite. Es war nur eine Abwehrreaktion von ihm, sagte die Stimme. Doch eine andere Stimme sprang sofort ein und stach sie, pikste sie.

Wir nehmen Anlauf und springen ein wenig in Zeit und Raum, hinein in eine andere Erinnerung. Jana hat gerade eine Klasse übersprungen, ist unter lauter älteren Mitschülern, versucht sich lustig und nicht zu intelligent zu geben. Doch die Erwartungshaltungen rücken von beiden Seiten auf sie zu und sie fühlt sich in die Enge getrieben. Sie versucht gut auszusehen, lässig zu wirken, mit dem Strom zu schwimmen. Aber sie muss gut sein, besser, die Beste. Der Lehrer erwartet viel, weiß schon viel, hat mehr über sie gehört als ihr lieb ist. Der Druck, ihr Ehrgeiz, der Wunsch durch Leistung Anerkennung zu bekommen. Der Spagat misslingt. Diejenigen die es noch nett meinen, vielleicht auch bewundert sprechen es aus: „Du Computer, wie machst du das nur? Was für eine Denkmaschine.“

Sie sieht Sachen, denkt Sachen die sie nicht sagt, die in ihr ersticken. Gedanken die zu weit von der Wirklichkeit der Anderen entfernt sind, um einfach erklärt werden zu können. Manchmal verliert sie den Maßstab, was einfach und was schwer ist.

Es gibt schlimmeres, Jana kann sich nicht beklagen und das tut sie auch nicht. Es geht ihr gut, sie ist zufrieden. Nur dazugehören, das kann sie nicht. Im Schein, ja, weil sie herausgefunden hat wie es geht. Ein paar ihrer Gedanken, eng aneinander geschmiegt in einer Gruppe wie Jana sich eine wünscht, arbeiten an etwas. Geht es nicht jedem so? Fragen sie sich. Jeder ist ein wenig, oder auch mehr, anders als andere. Immer im Vergleich, immer dazwischen. Die Gesellschaft ist widersprüchlich. Man soll sich anpassen, dazugehören, man selbst sein, mehr erreichen, besser sein, Leistung erbringen, nicht egoistisch sein, sich durchbeißen, ja vielleicht ist es das, durchbeißen. Man beißt sich selbst einfach durch. In zwei, drei, vielleicht vier Teile. Durchgebissen. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Janne (Dienstag, 01 Dezember 2015 22:08)

    Das Los der intelligenten Menschen ist es, an allem zu zweifeln, sie sehen zu viel, wissen zu viel. Doch sie können nicht in andere Menschen hineinsehen, die sind genauso einsam, haben es aber noch nicht gemerkt. Oder aber sie sind mit weniger als dem besten, dem richtigen zufrieden.
    Hoffentlich findet Jana das Sein, das sie wieder zusammensetzt.

  • #2

    Bastian (Sonntag, 06 Dezember 2015 12:03)

    In der "kleinen Geschichte aus großen Kinderaugen" wird beschrieben, wie unterschiedlich die Welt, dass Sein und Handeln aus den perspektiven der einzelnen Betrachter gesehen werden kann. Dies gilt natürlich auch für die Definition der Anforderungen die man selbst glaubt erfüllen zu müssen um irgendwo dazu zu gehören. Wie schön wäre es, wenn wir uns Brillen aufsetzen könnten, die uns die Sicht der anderen wirklich vermitteln würden. Wir sind wahrscheinlich sehr viel besser und schlechter, netter und nerviger als wir glauben.