Wir wohnen alle in einem Haus

Lasst uns einen Blick werfen, auf dieses große, dreistöckige Haus in der Erich-Kästner Straße. Es ist ein alter Backsteinbau mit einer schweren, hölzernen Eingangstür. Sechs Wohnungen nennt das Haus sein eigen und jede hat es lieben Menschen als Zuhause überlassen.

Ganz unten, auf der linken Seite wohnt Familie Lem, die aber selten zuhause ist. Frau Lem ist Journalistin bei der regionalen Zeitung und engagiert sich viel bei diesem, jenem und eigentlich allem. Wenn man sie fragen würde, wofür sie das alles tut, wüsste sie die Antwort sicher nicht, würde einem aber deutlich machen, wie wichtig sie bei alledem sei. Nun gut, können wir uns sagen, solange sie anderen mit ihrer Arbeit hilft, wen kümmern dann noch die Beweggründe?

 

Herr Lem ist zurzeit teilzeitbeschäftigt, denn er kümmert sich um seinen kranken Vater. Er macht das sehr gut und wenn man ihn fragt, was es denn Neues gäbe, weiß er nichts anderes zu berichten, als wie es seinem Vater ginge und was dieser zu beklagen habe. Herr Lem ist wirklich ein einfühlsamer Mensch und seine Nachbarn wissen das zu schätzen, sofern sie ihn ausreichend kennen. Aber was Herr Lem eigentlich arbeitet, das weiß keiner so recht, weil er ja immer nur von seinem Vater erzählt. 

Das Kind der Familie Lem, Marian, muss erst noch geboren werden. Gerade befindet es sich noch wohlauf und überaus zufrieden im Bauch seiner Mutter und genießt die Zeit, in der er sich noch nicht mit all den Weiten, Themen und Abenteuern der Welt da draußen auseinander setzen muss.

Aber weiter zur gegenüberliegenden Wohnung, der mit den Fenstern nach Osten raus, sodass ihre Bewohner jeden Morgen den Sonnenaufgang bewundern könnten, wenn sie denn Interesse daran hätten. In der Tat hat Lina durchaus Interesse daran und seid sie mit ihrem Freund hier eingezogen ist, hat sie es auch immerhin schon zweimal geschafft mit anzusehen, wie die Morgensonne auf dem Weg in die Höhen des Himmels ihre Umgebung verzaubert. Normalerweise schläft Lina aber zu lange, um dieses Spektakel mit anzusehen. Denn sie liebt es, auch wenn sie schon wach ist, jede Minute, die sie neben ihrem Freund Marc im Bett verbringen kann zu genießen. Ihre Gedanken schweifen dann für gewöhnlich einmal um die Welt, nur um letztendlich an einer winzigen Kleinigkeit hängen zu bleiben. Doch sollte nun niemand annehmen, dass eine winzige Kleinigkeit es nicht wert wäre gründlich bedacht zu werden. Manchmal entstehen in Linas Kopf die genialsten Ideen und Konzepte, nach deren Umsetzung sie sich tatsächlich sinnvoll und wichtig fühlen würde. Doch am Ende steht sie immer nur auf, macht sich für die Arbeit fertig und taucht ein in das Treiben des alltäglichen Bankgeschäfts. Sie sagt oft, sie hasse was sie tue. Aber im Grunde meint sie damit nicht alles was sie tut. Sie meint ihre Arbeit, die Prinzipien nach denen ihre Arbeit funktioniert. Aber wie sinnvoll und wichtig sie in so vieler, nicht bloß beruflicher Hinsicht ist, sieht sie selten. Wenn sie ihrer Freundin Sarah wieder einmal geduldig zuhört, während der ganze Schwall an Gefühlslast, hineingezwängt in alle greifbaren Worte, durch das Telefon zu ihr durchdringt. Wenn sie für Marc Stärke zeigen muss, weil ihn diese Zweifel an sich selbst plagen und er das Gefühl nicht loswird, gegen eine immer härter werdende Wand zu rennen. Aber auch die winzigen Dinge, wie lächelnd durch die Straßen zu gehen und die Stadt damit ein klein wenig fröhlicher zu machen. Nun Marc ist ein eher stiller, zurückhaltender Mensch, dessen Größe man erst nach langer Bekanntschaft erahnen kann. Vielleicht ist das auch schon alles, was ich über ihn erzählen möchte und wer weiß, ob nun der ein oder andere von euch neugierig geworden ist und ihn einmal persönlich kennen lernen möchte. Verlassen wir nun das Erdgeschoss. Im ersten Stock werden wir uns jedoch vorerst nicht lange aufhalten, wie ihr sehen werdet. Denn auf der linken Seite wohnt, ja wohnt, ja ich kann euch leider noch nicht mal seinen Namen verraten, denn kaum einer hat ihn je gesehen. Das soll im Grunde gar nicht so mysteriös klingen, nur geht er halt nicht gerne unter andere Menschen. Nicht dass er es nicht gerne würde, aber es wäre ein großer und schwerer Schritt für ihn, den er einfachheitshalber lieber ganz vermeidet. Natürlich gibt es Tage an denen er seine Wohnung verlässt. Und hat er sie erst einmal verlassen, muss er schließlich auch irgendwie in sie zurückkehren. Nur geschieht das so leise, selten und schnell, dass er kaum jemandem je über den Weg läuft. Würde es öfter passieren, hätte ihn der ein oder andere sicher sehr gemocht, da besteht gar kein Zweifel. Besonders Marc und er hätten sich aufgrund geteilter Interessen und der beiden gegebenen Liebenswürdigkeit sicher gut verstanden. Aber so schufen sich die anderen ihr Bild von ihm aus dem Nichts, das sie über ihn wussten.

Auf der rechten Seite, über der Wohnung von Lina und Marc befindet sich eine Studenten WG. Manch einer wird jetzt vielleicht enttäuscht sein, nicht mehr über diese spannende, wundervolle Wohngemeinschaft zu erfahren, aber glaubt mir, wir werden diese faulen Herrschaften noch zu Genüge betrachten, denn sie sind es wohl, was man als das Herz dieser Geschichte bezeichnen kann. Und ja, in diesem Fall kann auch ein Herz sehr viele unterschiedliche, teils gegensätzliche Eigenschaften haben.

Also auf, die Treppe hoch und schon sind wir im dritten Stock unseres doch ganz beschaulichen Hauses angelangt. Beginnen wir, schon fast traditionell, auf der linken Seite und werfen einen Blick durch die Wohnungstür, die uns so herzlich aufgehalten wird. Darf ich vorstellen? Die freundliche Dame vor unseren Augen ist Madame, auf ihre Tierart oder vielmehr Rasse reduziert eine freundliche Pudeldame. Nach dieser Beschreibung bin ich mir beinahe sicher, dass niemand von euch ahnt, was für ein Löwe, naja manchmal auch Drache in ihr steckt –aber diese Annahme ist wohl auch nur ein Vorurteil. Hinter ihr kommen Herr und Frau Kemal zum Vorschein, ein zufriedenes, eher schon glücklich zu nennendes Ehepaar. Mögt ihr raten wie alt sie sind? Wie dem auch sei, ich werde mein Wissen spaßeshalber nicht mit euch teilen. Bekannt sind die beiden, nicht bloß bei ihren Nachbarn, für ihre Gastfreundschaft, durch die die meisten Bewohner des Hauses ihre Wohnung schon mindestens einmal von innen gesehen haben. Durch die aber auch der ein oder andere der lieben Bewohner des lebendigen Hauses in der Erich-Kästner Straße durch einen späten Besucher gestört wurde. Dies war Herrn und Frau Kemal jedoch nicht bewusst und wäre dem so, täte es ihnen bestimmt Leid den Schlaf der anderen gestört zu haben.

 

Gegenüber wohnt Klara, eine immer fröhliche, strahlend lächelnde, aber auch äußerst stolze Person. Sie ist sehr hilfsbereit, aber lässt sich nur sehr ungerne helfen. Sie ist erst vor fünf Monaten hier eingezogen und es ist das erste Mal, dass sie alleine, ohne Pfleger und Angehörige wohnt. Sie fühlt sich hier sehr wohl und freut sich immer, wenn ihr wieder einmal etwas Neues gelingt. Die Wände in ihrer Wohnung hat sie alle selbst gestrichen und auch wenn es ewig gedauert hat und nicht perfekt aussieht, ist es doch genauso geworden, wie sie es haben möchte und sich wohl fühlt. In ihrem Wohnzimmer steht ein Bonsai, den sie sich von ihrem Geld letzte Woche auf dem Markt gekauft hatte. Es war alles andere als einfach, das kleine Bäumchen hier hoch zu schleppen. Aber als ihr Marc im Treppenhaus begegnete und mit seinen im Fitnessstudio großgezogenen, gehegten und gepflegten Muskeln freundlich seine Hilfe anbot, lehnte sie freudig dankend ab. Er spricht immer langsam und ganz ulkig betont, wenn er mit ihr redet, aber das macht ihr nichts und im Grunde mag sie ihn sehr. Auch Frau Lem mag sie sehr, obwohl sie manchmal unterschiedlicher Meinung sind. Frau Lem kommt häufig zu ihr nach oben, um „mal Guten Tag zu sagen“, wie sie es nennt. Aber tatsächlich ist es manchmal doch eher ein Nach-dem-Rechten-sehen und Frau Lem hat sehr genaue Vorstellungen davon, was das Rechte ist. Hin und wieder ist sie Klara tatsächlich eine große Hilfe, auch wenn die junge Frau das nur selten zugibt. Aber meistens sind es eher unnötige, in einem herrlich wissenden Ton vorgetragene Ratschläge die Klara „das Leben so viel einfacher machen können“. 

Hoffentlich habt ihr euch nun ein Bild von dem Haus machen können, dass die Erich-Kästner Straße mit seinen Bewohnern bereichert. Nun, im Grunde haben wir nun den Rahmen, die Umgebung, in der die Studenten-WG im zweiten Stock ihr Leben führt. Natürlich trifft das nur aus der Perspektive der WG Mitglieder zu, da man die WG auch genauso gut als Teil des Rahmens des Lebens des Ehepaares Kemal oder der anderen Nachbarn sehen könnte. Aber bleiben wir einmal bei diesem Blickwinkel mit besonderem Augenmerk auf die jungen, mehr oder weniger fleißig studierenden Menschen der Wohngemeinschaft.

Wir betreten die Wohnung und kaum haben sich unsere Augen an das schummrige Licht gewöhnt, das hier vorherrschen wird bis irgendwer sich erbarmt, eine neue Lampe zu kaufen, fällt der Blick unwillkürlich auf eine Posterwand mit lustigen, politischen oder lediglich sinnlosen Sprüchen über, neben und in diversen Bildern. Kaum als Tür zu erkennen in all dem wunderbar bunten Posterchaos befindet sich der Eingang zu Jonas Zimmer. Er hat das größte von allen und um es zu Genüge auszunutzen, hat er sein Bett einfach in die Mitte gestellt, von wo aus er eine fantastische Aussicht auf seine ansonsten doch eher kahle und spärliche Einrichtung hat. Das überrascht vielleicht, wenn man hört, dass Jonas äußerst gesellig ist. Aber er lädt seine Freunde, Bekannte und die anderen netten Menschen die er so trifft nun mal nicht gerne hierher ein, weil das Aufräumen hinterher dann immer so anstrengend ist.

Er malt auch gerne und erstaunlich gut, für seine sonst so grobmotorischen Bewegungen. Jedoch hat er sehr hohe Ansprüche an sich und ist daher nie zufrieden mit den bezaubernden Bildern die er mit viel Zeitaufwand vollendet. So kommt es, dass sie für gewöhnlich eher die Mülltonne, als sein Zimmer verschönern.

Durch die laute Musik, die sich durch die eine Zimmerwand ihren Weg in Jonas Zimmer bahnt, ist es ihm keine Sekunde vergönnt zu vergessen, dass das Zimmer neben ihm Maja gehört. Sie hat keine Ahnung, dass er jedes Wort ihrer geliebten Bands verstehen kann, denn sonst würde sie die Musik auf jeden Fall leiser drehen oder auf Kopfhörer umsteigen. Aber Jonas hat sich nie beschwert und mag seine lustige, ein wenig verrückte, aber auch übermäßig kluge Mitbewohnerin viel zu sehr, um ihr das übel zu nehmen. Zurzeit wohnt Maja jedoch nicht allein in ihrem Zimmer. Ihr Freund Anton, auch Jonas bester Freund, ist vor kurzem zu ihr gezogen. Es war ein aufwändiger Umzug, denn es waren immerhin um die zehn Meter, die sie Antons Sachen tragen mussten. Er wohnte nämlich vorher in dem Zimmer direkt gegenüber von Majas. Doch nun hat ihre Fernbeziehung endlich ein Ende und sie können tagtäglich üben, sich auf die Nerven zu gehen. Bisher klappt das jedoch noch nicht zu gut, weil sie die Gegenwart des anderen viel zu glücklich macht, um jemals genervt zu sein.

Die Veränderung im WG-Leben der drei hatte sich vor ungefähr zwei Monaten ergeben, als Anton von seiner Arbeit bei der örtlichen Willkommensaktion für Geflüchtete sprach. Er hatte dort jemanden kennen gelernt, mit dem er sich sehr gut verstand. Sie hatten ähnliche Interessen und Rafik hat etwas Ähnliches wie Anton studiert. Anton fiel es sehr schwer seinen beiden Mitbewohnern gegenüber in Worte zu fassen, was ihm als ungeformte Idee im Kopf herum schwebte. Sie standen ihm beide so nahe und doch konnte er nicht einschätzen, was sie von seinem Plan halten würden. Er tastete sich langsam an das Thema heran, erzählte ihnen wie so oft von seiner Arbeit und von Rafik, den er zuvor auch schon das ein oder andere Mal erwähnt hatte. Schließlich wanderten seine Worte zu Rafiks Wohnungssuche. Zu seiner Erleichterung waren Jonas und Maja aber schneller seiner Meinung, als Anton seinen Vorschlag überhaupt aussprechen konnte. „Ja, selbstverständlich!“, rief Maja aus. „Du ziehst einfach mit in mein Zimmer und schwups, schon haben wir ein Zimmer frei. Dann wären wir eine vierer WG –passt sich gut. Kleiderhaken haben wir sowieso schon vier neben der Haustür und vier Stühle am Küchentisch, ich wüsste also nicht was dagegen sprechen sollte.“

Jonas war ebenso dafür, brachte allerdings auch mögliche Schwierigkeiten zur Sprache. Er meinte: „Lasst ihn uns erst einmal hierher einladen um zu sehen wie er so drauf ist, wie er dein Zimmer findet und so weiter. Wer weiß schon, vielleicht kommen wir auch gar nicht miteinander klar oder er will gar nicht hier einziehen.“ Aber trotz dieser Einwände hielt auch er sehr viel von Antons Vorschlag. So kam Rafik in das große Haus in der Erich-Kästner Straße. Erst nur zu Besuch, zum gemeinsamen Kochen, Waffeln backen, DVD-Abend und einfach ein bisschen plaudern und dann mit einem Koffer und dem aufregenden Gefühl der Vorfreude im Bauch, das seine Zeit mit den neu gewonnenen Freunden und Mitbewohnern ankündigte. Alle gemeinsam räumten sie die weniger sinnlosen Besitztümer von Anton in Majas Zimmer und trennten sich von dem übrigen Krimskrams. Die meisten von Antons Möbeln blieben dem Zimmer für Rafiks Bedarf erhalten.

Nun veränderte sich also das WG-Leben und ganz allmählich lebte sich ein neuer Alltag ein, der so selbstverständlich wurde, dass ihn keiner mehr so recht hinterfragte oder sich vorstellen konnte, wie es ohne ihren neuen Mitbewohner war.

Rafik ist ein rücksichtsvoller, manchmal recht stiller und ordnungsliebender Mensch. Doch obwohl er beinahe das Gegenteil von Maja ist, verstehen sich die beiden hervorragend. Ausgerechnet diese, eigentlich positive Tatsache war jedoch Anlass für die ersten, kleinen Schwierigkeiten der neu zusammenwachsenden WG. Anton wurde nämlich eifersüchtig. Er fing an gemeine Bemerkungen über Rafiks Sprachfehler zu machen, die ihm hinterher jedes Mal sofort Leid taten. Rafik begann Antons übler Laune aus dem Weg zu gehen und Maja ebenso, weil er den Grund des Ärgers erahnte.

Glücklicherweise ist Anton ein starker Charakter, der eigene Fehler einsehen kann. Er erkannte nach einer Weile, von was für eifersüchtigen, misstrauischen Gefühlen sein Verhalten hervorgerufen wurde. Er tat daraufhin das annähernd Beste, wenn auch nicht ganz einfache, um das Problem zu lösen. Er sprach mit Maja. Er gestand ihr seine Befürchtungen und ihr wiederum gelang es, sie zu zerstreuen und zu zerpflücken und gegen hübsche neue Gedanken auszutauschen.

Nun vielleicht war es doch nicht das aller Beste, was Anton hätte tun können, denn mit Rafik sprachen sie nicht darüber. Er musste sich seinen Teil denken, als der eben noch grummelig grimmige Anton nun plötzlich wieder nett zu ihm war. Aber so oder so, das Zusammenleben in der WG verläuft wieder in harmonischen Bahnen. Heute, wo wir zu Besuch sind, können wir lediglich Freunde, die gemeinsam Späße machen, sehen. Zwar wird sich später der ein oder andere über das dreckige Geschirr des anderen und der wiederum über die Stromverschwendung bei der Beleuchtung einer leeren Küche beschweren. Aber das sind alles Wehwehchen, wie sie auch irgendwie zum WG-Leben dazugehören.

Doch was denken die anderen Bewohner des Hauses über das neue WG-Mitglied? Nun ist zu hinterfragen ob das überhaupt eine berechtigte Frage ist, wo es doch unterschiedliche Wohnungen sind, wo sich der eine doch kaum um das Leben des anderen kümmert, sofern es nicht stört, oder? Tatsächlich wurden viele Gedanken, Gespräche, gar Reaktionen der lieben Menschen, die ich euch zuvor vorgestellt habe, durch den Umstand hervorgerufen, dass „der Neue“ „ein Flüchtling“ ist. Ja, tatsächlich, Rafik war geflüchtet und wenn er sich doch auch nicht in das Wort „Flüchtling“ zwängen lassen wollte, hatte das Erlebnis der Flucht und dessen, was davor lag, ihn gewissermaßen geprägt. Häufig wacht er nachts aus Träumen auf, von denen er lieber nicht erzählen möchte und manchmal driftet er einfach davon, lässt nur seinen Körper im Leben stehen und lässt den Rest von sich weite Gedankenkreise ziehen. Er musste die ganze Zeit über durchhalten, weitermachen und nun, da er es bis hierher geschafft hat, bekommt er manchmal das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben. Und doch braucht er Kraft, in großer Menge sogar. Er lernt Deutsch, begegnet immer neuen Menschen mit neuen Erwartungshaltungen und muss sich hier, nicht bloß in diesem Haus, sondern in dieser fremden Stadt, in diesem fremden Land zurecht finden. Er ist in seinem Leben schon oder auch erst einmal umgezogen. Damals, durch alles was dazwischen liegt kommen ihm die Jahre noch länger vor als sie tatsächlich sind, verließ er das Haus seiner Eltern, um zu studieren. Eine Erfahrung, wie auch seine Mitbewohner sie gemacht haben. Vieles war neu für ihn und natürlich gab es auch Schwierigkeiten. Aber es war etwas vollkommen anderes, als der Wandel den er zurzeit erlebt.

All seine Erlebnisse trägt Rafik mit sich. Jede einzelne Erfahrung in seinem Leben hat ihn ein klein wenig verändert und auch wenn er seinen Nachbarn im Treppenhaus, am Briefkasten oder auf der Straße begegnet, ist er ein Puzzle, zusammengesetzt aus all diesen Erlebnissen und seinen ganz eigenen Eigenschaften. So wie natürlich auch die anderen lieben Menschen des Hauses viel mehr sind, als an Beschreibungen in diese Geschichte passt. Als Marc ihm jedoch das erste Mal begegnete, sah er nichts von alledem was in Rafik steckt. Wie sollte er auch? Sie wechselten nur zwei, drei Worte, das war alles. Diese Begegnung schuf in Mark ein Bild und wenn Rafik einen Blick auf dieses Bild von sich hätte werfen können, hätte er vielleicht gelacht –sofern er den Humor dafür hätte aufbringen können und die Enttäuschung nicht überwogen hätte.

Lina und Rafik begegnen sich dagegen öfter, denn beide haben angefangen morgens laufen zu gehen. Nach ein paar schüchternen, atemlosen Hallo-Zurufen zwischen schnellen Laufschritten kamen sie ins Gespräch und tauschten sich über verschiedene Laufstrecken aus. So kam es, dass sie einander kennen lernten oder auch lernten, einander zu kennen.

Ja in der Tat begegnete Rafik recht schnell vielen der Bewohner des Hauses in der Erich-Kästner Straße. Frau Lem ergriff, so wie sie eben war, selbst die Initiative als sie davon hörte, dass „ein Flüchtling“ eingezogen war. Zwar überforderte sie ihn ein wenig mit ihren Hilfsangeboten, aber er war ihr dennoch sehr dankbar dafür. Die größte Hilfe aber war sie ihm, als sie ihm von all ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten erzählte. Denn die Länge der scheinbar sinnlos dahin gelebten Tage fraß ihn auf und er sehnte sich nach einem Rhythmus. Er traute sich momentan nicht zu, sehr viel Verantwortung zu übernehmen, hatte das Gefühl, dass er noch Zeit für sich brauchte. Aber er wollte gerne etwas tun, was für ihn und andere wichtig war. Mittlerweile begleitet er Frau Lem regelmäßig ins Seniorenheim, wo sie alten Menschen Gesellschaft leisten und ihnen zuhören. Rafik gefällt diese Tätigkeit sehr, jedoch muss er an diesem Ort des Alters oft an den Tod geliebter Menschen denken. Nebenbei ist es auch eine gute Möglichkeit, um Spracherfahrungen zu sammeln. Allerdings gibt es unter den älteren Herrschaften auch einige, die unangenehme Bemerkungen machen. Abends redet er oft mit seinen Mitbewohnern darüber, wenn irgendjemand etwas gesagt hat, was ihn zum Nachdenken brachte. Besonders Anton hört ihm meist geduldig zu und sagt Sachen, die ihm helfen. Aber manchmal tritt auch eine unangenehme Pause ein, nachdem er von Situationen erzählt hat, in denen er Rassismus erlebt hat. Einmal wollte Rafik Anton erzählen, dass ihn ein Mann, dem er in der Stadt begegnet war, beleidigt hatte, aber er konnte sich nicht an das unbekannte Wort erinnern, dass ihm der fremde, Mann zugerufen hatte. Der Ausdruck war: „scheiß Schmarotzer“, aber Rafik hatte lediglich „scheiß“ verstanden und wusste nicht, was „Schmarotzer bedeutete. Es ist in der Tat ein sehr merkwürdiges Wort, was sich nicht leicht einprägen lässt, wenn man es zuvor noch nie gehört hat. So hatte er das Wort, nicht aber das unangenehme Gefühl, vergessen als er mit Anton darüber sprach.

Was Anton Rafik gegenüber aber verschweigt, ist, dass sie vor seinem Einzug häufig mal bei Herrn und Frau Kemal eingeladen waren. Es waren immer lustige gemeinsame Spieleabende oder man bestellte gemeinsam etwas zu essen. Doch nun sind die Einladungen mit einem Mal verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Trifft man das Ehepaar zufällig einmal, sind sie stets bemüht deutlich zu machen, wie beschäftigt sie zurzeit sind. Was Anton aber für den wahren Grund hält, sprechen die Ehepartner noch nicht einmal aus, wenn sie unter sich sind. Dann sagt Frau Kemal etwas wie: „Ja, es ist immer unglaublich lustig, aber wir haben ja auch nicht so viel Platz. Wir kennen den Flüchtling ja auch noch gar nicht und man kann ja nie wissen.“

Einmal jedoch hatte Rafik Anton eine Geschichte über eine Reaktion auf seine Hautfarbe zu erzählen, die ihn zum Lachen brachte, wenn er daran dachte.

Ihr erinnert euch doch bestimmt noch an Klara, nicht wahr? Die ganz oben, gegenüber von Familie Kemal wohnt? Vieles von dem was die anderen Bewohner des Hauses als ihr Wissen betrachteten, hatte Klara nie gelernt. Dazu gehörten viele nützliche Sachen, aber zum Beispiel auch einige Schimpfwörter und Zuschreibungen, die Menschen an anderen Menschen befestigen und immer wieder hervorkramen, wenn sie jemandem begegnen. Viele dieser Sachen, die gerne den Namen Wissen tragen, waren irgendwie an Klara vorübergegangen. Aber sie hatte nicht das Gefühl, dass ihr irgendetwas fehlte. Als sie nun Rafik zum ersten Mal begegnete, war ihr gar nicht bewusst, dass er geflüchtet war. Woher sollte sie es auch wissen, da sie noch nichts von den anderen Bewohnern des Hauses gehört hatte. Sie wusste auch sonst nichts über ihn, war aber sehr überrascht ihn zu sehen, weil er kein Besucher zu sein schien und sie nichts davon gehört hatte, dass jemand Neues eingezogen war. Höflich wie sie war, wünschte sie ihm einen guten Tag, wie immer darauf bedacht, selbstbewusst zu klingen. Er wiederum erwiderte den Gruß, den er schon so weit perfektioniert hatte, dass man seinen Akzent kaum hören konnte. Manchmal fragte er sich zwar, ob das tatsächlich sein Ziel sein sollte, aber zumindest schien es die Erwartungshaltung zu sein. Doch aus dem „Guten Tag“ entwickelte sich ein höflicher Austausch von Informationen. Sie erfuhren von Wohnsituation, Tätigkeiten und anderen Dingen im Leben des anderen und boten einander das Du an. Es entstand eine kleine Gesprächspause und plötzlich, ganz unvermittelt sagte Klara: „Du hast aber dunkle Haut.“ Es war einfach nur eine Feststellung und Klara hatte seine Haut einfach mit ihrer eigenen verglichen. Sie war sich der Grenzen, Ungerechtigkeiten, Nachteile und Privilegien nicht bewusst, die mithilfe dieser Zuschreibung in der Vergangenheit geschaffen wurden, geschaffen werden und teils fortbestehen. Rafik sah ihrem Gesicht die angenommene Bedeutungslosigkeit dieses Satzes an und grinste. „Ich finde, du hast ganz schön blasse Haut.“, erwiderte er schmunzelnd. Damit hatte sie nicht gerechnet, aber jetzt, da er es sagte sah sie sich ihre Arme an, blickte erneut auf seine und fand sie wirklich sehr blass. Das Ende des Gesprächs bildete eine Einladung zum Tee, die Klara voll Vorfreude aussprach, da sie herrlichen Früchtetee gekauft hatte und die Rafik dankend annahm, obwohl er nicht das Geringste für Tee übrig hatte.

 

Wir haben das Ende unseres Ausfluges in das Haus in der Erich-Kästner Straße erreicht. Würden wir in einem Jahr wiederkommen, sähe wohl alles schon wieder ganz anders aus. Über die Leute, über die ich nun so viel und doch so wenig gesagt habe, gäbe es dann wohl wieder ganz andere Sachen zu sagen. Oder stellt euch vor, ihr wäret nicht mit mir, sondern beispielsweise mit Frau Lem oder jemand anderem, der selbst Teil des Hauses ist, durch die lebendigen Räume spaziert. Vermutlich wäre dann ein ganz anderes Bild vor euren Augen entstanden. 

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