Eine kleine Geschichte aus großen Kinderaugen

Hannah ist noch nicht so groß. Nicht so groß wie ihre Mutter, die manchmal sogar noch ein bisschen größer wird, wenn sie die hohen, schwarzen Schuhe mit der roten Spitze vorne anzieht. Natürlich ist Hannah auch noch nicht so groß wie ihr Papa, der Mama ein winziges bisschen überragt, was er aber immer betont. Oma sagt das sei, weil das eben das einzige ist, indem er sie überragen könne. Aber Hannah ist sogar kleiner, als die meisten Kinder in ihrer Klasse. Manchmal ärgert sie das gewaltig und nicht nur das. Jonas, einer der besonders groß ist, der ärgert sie auch immer damit.

Nun wisst ihr immerhin schon eine Kleinigkeit von Hannah, die ihr aber manchmal wie ein riesiges Problem vorkommt. Wenn Hannah etwas nicht versteht sagt Papa auch oft: „Du bist halt noch nicht so groß, Hannah, das verstehst du wenn du größer bist.“ Aber was Papa nicht weiß, wenn er das sagt, ist, dass Hannah eine ganze Menge versteht. Manchmal sogar Dinge, die Mama und Papa nicht verstehen. Zum Beispiel wenn der Eisbär Knuddel, der Hannahs liebstes Stofftier ist, vorm Einschlafen noch einmal aus dem Fester schauen möchte. Hannah weiß dann, dass er nur noch einen kurzen Blick auf den Polarstern werfen möchte, bevor er dann seelenruhig einschlafen und von weiß glitzernden Schneemassen träumen kann. Mama, die ihr abends immer die Gute Nacht Geschichte vorliest versteht das nicht. Sie schimpft manchmal sogar, wenn Hannah noch einmal aufsteht, um den Bären aus dem Fenster schauen zu lassen. Sie denkt, Hannah würde das nur machen, um noch nicht ins Bett gehen zu müssen. Hin und wieder bemerkt sie liebevoll: Mein Liebling, du lässt dir aber auch immer verrückte Ausreden einfallen. Nun ist es aber für Hannah das Natürlichste von der Welt, dass ein Eisbär, der ganz weit weg von seinem Zuhause ist, etwas braucht, auf das er seinen sehnsuchtsvollen Blick richten kann. Für Mama ist es dagegen selbstverständlich, dass 2x3 6 ergibt –was für Hannah absolut gar keinen Sinn macht. Was haben denn bitte die 2 und die 3 mit der 6 zu tun? Genau genommen sind die sogar ganz schön weit voneinander entfernt. Das weiß Hannah, weil sie nun schon in die erste Klasse gekommen ist und schon ziemlich gut zählen, ja sogar schon ein bisschen + und – rechnen kann. Von der 3 sind es noch ganze 3 Schritte zur 6 und von der 2 sogar 4, also einer mehr. Wie das alles zusammenhängen soll ist Hannah ein Rätsel. Aber gut, dass sie Mika hat, der Mathe genauso wenig mag wie sie. Gemeinsam malen sie im Unterricht immer Fantasiebilder und denken sich Geschichten aus.

Neulich war Hannah mit Papa einkaufen. Sie waren zuerst im Supermarkt, wo Hannah sich einen Schokoriegel aussuchen durfte, sich dann aber für einen Apfel entschieden hat, weil der so glänzte wie der bei Schneewittchen. Vielleicht würde ja ein Prinz kommen und sie davor bewahren den giftigen Apfel zu essen. Jedoch, nein, eigentlich wollte Hannah lieber selbst die Heldin sein. Vielleicht sollte sie den Apfel auf Mikas Platz legen, nur um ihn dann zu retten, wenn er den Apfel essen wollte. Ja, sie würde ihn vor einem grausamen Schicksal bewahren und er, ja er müsste ihr dann auf ewig dafür dankbar sein. Was für ein herrlicher Gedanke. So träumte sie selbstverliebt vor sich hin, während sie vom Supermarkt in die Einkaufsstraße gingen. Papa wollte noch zur Drogerie, um wie er sagte „etwas zu besorgen, das für Erwachsene, die sich sehr gerne mögen sehr wichtig sein kann.“ Hannah spielte in der Zeit mit einem Hund, der einer netten Dame gehörte.

Da kam auf einmal ein Mann zu ihnen herüber. Er kam genau in dem Augenblick, in dem auch Papa wieder aus dem Laden kam.

Hannah hatte keine Angst vor dem fremden Mann. Nein, es war vielleicht Respekt, aber sicher keine Angst. Sie sah den Ausdruck in seinem Gesicht, in seinen Augen, und sie verstand, dass dieser Mann Hunger hatte, dass er litt und dass es ihm schwer fiel um Hilfe zu bitten, er aber dennoch welche benötigte.

Auch ihr Vater verstand die Situation. Aber vollkommen anders als Hannah. Er sah den verwahrlost aussehenden, aufdringlichen Bettler, der seiner Tochter unverschämt nahe kam.

Was keiner der Anwesenden sah war das, was den Mann in diese Situation gebracht hatte, was vor dem Anblick des Augenblicks stand. Hannahs Papa beurteilte den Mann nach seinem äußeren Erscheinungsbild und sah ihn als Bettler in einer bedauernswerten, aber vor allem erbärmlichen gesellschaftlichen Stellung. Hannah weiß nicht mal, was eine gesellschaftliche Stellung ist, aber auch sie konnte nicht wissen, was zuvor geschehen war. Dass der Mann noch vor kurzem ein Professor war, ein Zuhause hatte und ein zufriedenes, nicht ausschweifendes, berauschendes, sondern ruhiges aber gemütliches Leben geführt hatte, konnte keiner wissen. Hätte Hannahs Papa dem Fremden in diesem Abschnitt seines Lebens gegenüber gestanden, so hätte er ihn sicher mit Respekt behandelt. Doch war dieser Mensch, in all seiner Zufriedenheit und mit stattlichem Erscheinungsbild mehr wert, als der Mann der nun auf ihr Kleingelt angewiesen war?

All diese Fragen konnte sich Hannah nicht stellen, weil sie nichts über den Mann wusste, was sie nicht aus seinem Auftreten lesen konnte. Papa zog sie in seine Arme, nahm sie an die Hand und sagte, sie müssten nun weiter. Sie machten noch ein paar Besorgungen und abends, als Mama nach Hause kam, hatten sie viel zu erzählen. Nur, dass sie plötzlich ganz unterschiedliche Sachen erzählten. Komisch, dachte Hannah, hatten sie nicht alles gemeinsam erlebt? Papa vergaß den Mann in seiner Erzählung vollkommen, als würde es ihn gar nicht geben. Als er aber von der Werbung für die schicke Uhr sprach, die er sich vielleicht kaufen würde, wunderte sich Hannah, weil sie davon gar nichts mitbekommen hatte.

Nach dem Essen holte Hannah ihren kleinen Klappspiegel aus ihrem Zimmer. Sie hatte nachgedacht und wollte etwas nachgucken. „Papa“, sagte sie. „Lass mich mal deine Augen angucken.“ „Bitte was möchtest du mein Schatz? Meine Augen angucken? Na wenn du das gerne möchtest, werde ich dich nicht aufhalten.“ antwortete ihr Papa lachend. Er setzte sich brav auf den Stuhl, den Hannah ihm anbot und ließ die ganze Prozedur grinsend über sich ergehen. Ganz genau sah sich Hannah die beiden Augen ihres Vaters an und dann in dem kleinen Spiegel auch ihre eigenen. Seine waren viel größer als die ihren, hatten eine andere Farbe und ja, vielleicht, ja man konnte sie irgendwie glubschig nennen. „Ja“, dachte Hannah. „Das wäre das passende Wort, glubschig.“ Nun kam Mama ins Zimmer und wunderte sich sehr über das Spektakel. Aber Hannah hatte ihre Frage schon auf den Lippen: „Mama? Sehen Menschen mit verschiedenen Augen unterschiedliche Sachen?“ Ihre Mutter begann zu lachen. „Du kommst ja auf komische Ideen! Natürlich nicht. Die Augen sehen nur einfach bei jedem anders aus.“ „Mmh“, machte Hannah und schaute nachdenklich aus dem Fenster.

An diesem Abend sah sie gemeinsam mit ihrem Eisbären Knuddel aus dem Fenster und betrachtete den Polarstern. Mama hatte ihr eine Geschichte vorgelesen und war dann nach unten zu Papa gegangen, woraufhin sich Hannah wieder aus dem Bett geschlichen hatte. Nun haftete ihr Blick auf dem kleinen, leuchtenden Punkt in der Ferne. Knuddel hatte sich eng an sie gekuschelt und plötzlich kam ihr der Gedanke, dass ihr Kuschelbär in diesem Augenblick vielleicht auch etwas anderes sah als sie selbst. Für ihn war der Stern, der mit seinem hellen Licht den Himmel regierte ein Zeichen, dass für Heimat, Sehnsucht, Zuhause stand. Für Hannah aber stand dort ein Stern am Himmel, der mit seinem hellen Licht im dunklen Nachthimmel ausgesprochen schön anzusehen war. „Mmh“, machte sie und mit einem Mal fand sie einen frisch entstandenen Gedanken in ihrem Kopf. „Es liegt gar nicht an den Augen“, murmelte sie innerlich. „Es sind die Gedanken im Kopf! Papa denkt andere Gedanken als ich und ich denke andere Gedanken als Knuddel und mit anderen Gedanken im Kopf sieht man verschieden.“ Sie verkroch sich wieder in ihrem Bett, machte es sich gemütlich und mit Gedanken über Gedanken im Kopf und natürlich mit Knuddel in ihrem Arm, schlief sie schließlich ein.

Was sie sich jedoch nicht fragen konnte ist, was für Gedanken die Erzählerin dieser Geschichte im Kopf hatte, als sie Hannah bei ihren kleinen, aber eben doch ganz großen Erlebnissen zusah. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Milena (Freitag, 09 Oktober 2015 16:30)

    So große Gedanken in so einem kleinen Köpfchen, hoffentlich bleiben sie so frisch und aufmerksam und werden nicht von Erwachsenen begrenzt.

  • #2

    Nadine (Samstag, 31 Oktober 2015 21:06)

    Ein wundervolles Portrait der kleinen großen Dinge, die in allen Kindern herumgeistern und sie oftmals weiser als den ältesten Philosophen werden lassen.
    Allerdings liest man die Geschichte auch mit einem wehmütigen Lächeln, muss man sich doch als "Erwachsener" fragen, ob man auch den "Kinderblick" verloren hat.
    Ist tatsächlich jedem Menschen beim Zurücklassen seiner Kindheit vorbestimmt, blind und taub gegenüber den wichtigen Dingen im Leben zu werden? Ist es überhaupt möglich als Erwachsener trotzdem Kind zu bleiben? Oder sollten wir unsere Kinder doch nach Nimmerland schicken, auf dass sie niemals erwachsen werden ? Fragen über Fragen...Ob der Autor/die Autorin sie in einer weiteren Geschichte beantwortet?
    Ich hoffe mit Freuden auf mehr.