Abschied 

Und wieder einer weniger. Einer weniger den man versorgen muss, einer weniger um den man sich sorgt, einer weniger der einem guten Morgen sagt, der einen fragt wie man geschlafen hat und wie es einem geht. Einer weniger. Zwei Tage später kommt immer jemand neues. Ein neues Gesicht, an das man sich schnell gewöhnt, mit neuen Macken und Krankheiten, um die man sich kümmert. Ein neuer Name zu lernen, hinter dem sich eine ganz eigene Persönlichkeit versteckt. Heute Morgen ist er gestorben. Hat sich verabschiedet. Er wusste, dass es bald zu Ende gehen würde. 

Am Abend vor seinem Tod hatte er zu ihr gesagt: „Falls wir uns nicht mehr wiedersehen, wünsche ich Ihnen noch viele gute Nächte, mit vielen schönen Träumen, schlafen Sie gut, jede Nacht ihres weiteren Lebens.“ Für manche ist so etwas ganz Besonderes. Vielleicht hat Gott veranlasst, dass dieser Mensch von seinem baldigen Tod informiert war. Doch sie glaubte nicht an solche Geschichten. Seit dreißig Jahren arbeitete sie nun schon hier im Seniorenheim in der Kaufmannstraße und nun war sie selbst schon alt. Noch nicht so alt wie die Leute die hier ihre letzten Tage, Jahre oder Monate verbrachten, aber doch schon so alt, dass sie sich eine Menge Gedanken über den Tod oder das Leben danach gemacht hatte. Mittlerweile war sie sich sicher dass es nicht da war. Es war einfach nicht da. Sie, wie jeder andere Mensch auch, würde sterben und damit einfach so aufhören zu existieren. Sie würde nicht mehr da sein, genauso wie sie vor ihrer Geburt auch nicht da gewesen war. Nicht irgendwo im Himmel wo sie auf rosa Wolken umhersprang. Auch die Hölle gab es ihrer Meinung nach nicht. Keine Fegefeuer irgendwo in der Tiefe, wo die Menschen Qualen leiden müssen, um ihre Sünden wieder gut zu machen. Als ob es etwas bringen würde, wenn man für einen Mord oder eine andere Straftat wie Ehebruch oder Kindesentführung fünfzig Jahre im Fegefeuer ertragen muss. Was würde es denen helfen, die das Leid ertragen mussten, welches von anderen verbreitet wurde? Lange hat sie über solche Fragen nachgedacht. Doch nun musste sie sich wieder ihrer Arbeit zu wenden. Einem Teil ihrer Arbeit, der ihr sehr unangenehm war. Sie musste die Familie desjenigen verständigen, der heute Morgen von ihnen gegangen war.

 

                                                                                                                            *

Weinend und unter ständigem Schluchzen, so dass sie kaum zu verstehen war, erzählte sie ihrem Sohn von dem Telefonat, das sie soeben geführt hatte. Noch am Telefon hatte sie zu weinen begonnen. Es war ihr schon lange klar gewesen wie schlecht es um ihn stand, obwohl er geistig noch fit gewesen war. Auch er schien es gewusst zu haben, denn er hatte immer wieder Andeutungen in diese Richtung gemacht. Die Schwester hatte ihr erzählt, er hätte sich an seinem letzten Abend noch ziemlich eindeutig von ihr verabschiedet und ihr für die Zukunft nur Gutes gewünscht. Für den Fall, dass wir uns nicht mehr wieder sehen, hatte er zu ihr gesagt. Sie war jetzt neunundvierzig Jahre mit ihm verheiratet gewesen. Nächstes Jahr hätten sie ihre Goldene Hochzeit gefeiert, zumindest soweit wie es seine Gesundheit zugelassen hätte, doch daraus würde nun nichts mehr werden. Sie hatte nun aufgehört zu sprechen. Ihr Sohn hatte alles gehört, doch sie sah ihm an, dass er es noch nicht fassen konnte. Das würde erst später kommen, mit der Zeit. In ein paar Tagen würde er es an sich heran lassen und sein Kopf würde akzeptieren müssen was geschehen ist. Spätestens wenn er Freitag mit seiner Frau nicht zum Besuch ins Seniorenheim fahren würde, sondern zur Beerdigung zum Friedhof, würde er es richtig begreifen. Sie war darauf gefasst gewesen, hatte es erahnt. Deswegen war es gleich bis zu ihr durchgedrungen und ihr Verstand hatte nicht mehr versucht es zu leugnen. Doch war es dadurch nicht weniger schmerzhaft. Er war ein besonderer Mensch gewesen. Natürlich sind die Menschen die einem nahe stehen immer besonders, für einen selbst. Sie dachte an den Anfang, wie sie sich kennen gelernt hatten und wie sich dann langsam alles entwickelt hatte.

 

                                                             *

An einem Tag, den man für gewöhnlich erst einmal nicht vergisst, aber mit dieser Begegnung ein Leben lang mit sich trägt, traf er sie auf dem Heimweg. Die Sonne stand schon schräg, so dass sie sämtlichen Bäumen der Umgebung einen sanft goldenen Schimmer verlieh. Jedes einzelne Blatt in dem kleinen Wald hatte eine andere Farbe, die ihm der Herbst geschenkt hatte. Langsam ging er den Weg entlang, wie jeden Abend wenn er seinen Hund von seiner Mutter abholte, die nachmittags auf das kleine Fellbündel aufpasste. Er hatte ihn jetzt zweieinhalb Jahre lang. Es tat ihm leid, dass der Kleine seiner neuen Arbeit wegen nicht die ganze Zeit bei ihm sein konnte, denn das Tier war ihm wirklich sehr ans Herz gewachsen. Er genoss die angenehme Abendluft als er weiterging. Es war schon spät, später als sonst, wenn er hier entlang ging. Den ganzen Tag über war das Wetter außergewöhnlich gut gewesen. Aus einem strahlend blauen Himmel hatte die Sonne direkt in sein Büro geschienen. Nun schlichen einige kleine Schäfchenwolken am Horizont entlang. Er drehte sich um, weil sein Hund stehen geblieben war, um an einem der Bäume zu schnüffeln. Da sah er sie in einem langen Mantel auf ihn zukommen. Zur Hälfte in Sonnenlicht getaucht und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, als hätte sie einen schönen Tag gehabt.

 

                                                                                                                         *

 

 

Sie hatte den Fremden schon von weitem gesehen. Oder besser den süßen kleinen Hund mit dem er unterwegs war. Er hatte langes weißes Fell, was so weich und flauschig aussah, dass es geradezu zum Streicheln einlud.

 

In einem gemütlichen Tempo ging sie weiter in seine Richtung. Sie hatte Zeit. Heute hatte sie alles geschafft was sie sich vorgenommen hatte. Nun konnte sie bei diesem herrlichen Wetter ihren wohlverdienten Feierabend genießen. Als sie direkt neben dem Mann stand, fragte sie: „Entschuldigung, darf ich Ihren Hund einmal streicheln? Er beißt doch nicht, so lieb wie der aussieht?“ „Nein, nein, den können Sie ruhig streicheln, er wird sie nicht beißen.“ Sie beobachtete ihn ganz genau während er sprach. Er ließ sie ebenfalls nicht aus den Augen wie sie bemerkte. Er sah nett aus. Sofort war er ihr sympathisch vorgekommen. Sonst hätte sie ihn gar nicht erst angesprochen. So einen fremden Mann mitten in einem einsamen Wald, wo selten jemand anders vorbeikam. Obwohl es so ein wunderschöner Ort war. Er hatte einfach eine Art mit der er ihr Vertrauen gewann, bevor sie sich überhaupt kannten. Mit diesen ausdrucksstarken Augen, die genau in ihre blickten.

 

                                                                                                                       *

 

Sie lernten sich kennen. Jeden Abend begegneten sie sich an dieser Stelle im Wald und jeden Abend streichelte sie seinen Hund während sie sich unterhielten und ein Stück gemeinsam gingen. Er ging nun extra immer um die gleiche Uhrzeit seinen Hund abholen und sie stimmte alle ihre Termine so ab, dass sie auch auf keinen Fall eines der zufälligen Treffen verpasste. Irgendwann begannen sie sich auch außerhalb des Waldes und der einen Uhrzeit zu treffen. Verabredeten sich zum Abendessen, um ins Kino zu gehen und anschließend begleitete er sie nach Hause. Aus den Verabredungen wurde etwas Bindendes, etwas Festes. Nach einem halben Jahr zog sie bei ihm ein. Nach drei Jahren verlobten sie sich und bald darauf wurde die Hochzeit im kleinen Kreis gefeiert. Sie stellten fest, dass sie eine Hundehaarallergie hatte und schafften den Hund ab. Ein Kind wurde geboren. Ein kleiner Junge. Er liebte Hunde und wünschte sich einen eigenen. Er liebte seine Eltern und das große Haus in dem sie lebten. Sie haben ihm nie von ihrem Hund erzählt. Heute ist er erwachsen und lebt mit seiner Frau und seinen eigenen Kindern in einem kleinen Reihenhaus. Er hat einen Hund. Einen kleinen weißen Hund mit flauschig weichem Fell.

 

                                                                                                                       *

 

 

Ein Mann ging an einem Freitagvormittag die Straße an der Kirche vorbei. Es ist ein normaler Tag. Nichts Besonderes ist passiert. Er ist wie jeden Tag aufgestanden, hat gegessen und ist dann hinausgegangen um sein durchschnittliches, langweiliges Leben zu führen. Er war auf dem Weg zu seiner Arbeit, einem kleinen Schreibwaren Geschäft, welches er leitete. Es war das was er sich immer gewünscht hatte. Selber einen kleinen Laden zu besitzen. Doch nun erfüllte es ihn weder mit Stolz, noch fühlte er sich mit seinem Laden verbunden und für ihn verantwortlich, wie er immer gedacht hatte. Immer wieder hatte er neue Träume. Träume wie er sein Leben verändern wollte, doch nichts davon verwirklichte er. Er konnte es nicht oder er tat es einfach nicht. Es waren eben einfach nur Träume, sagte er sich dann oft. Er hörte die Glocken der Kirche. Eine Beerdigung. Er hatte davon in der Zeitung gelesen. Niemand den er kannte. Ein ganz normaler Fall. Ein alter Mann, der Nachruf war von seiner Frau, seinem Sohn dessen Frau und ihren Kindern. Er hatte auf Beerdigungen immer ein ganz eigenartiges Gefühl. Er konnte dann nicht weinen. Vor allem wenn es Personen waren die ihm sehr nahe gestanden hatten. Es war für ihn zu schrecklich um zu weinen. Er konnte seinen Verlust nicht einfach mit Tränen wegspülen, sondern ertrug ihn still. Andere weinten. Er weinte wenn er sich verletzte, wenn es Zuhause zu viel für ihn wurde. Die Einsamkeit, die Stille. Dann beschimpfte er sich in Gedanken selbst, weil er weinte, während andere ihr Leben einfach ertrugen, so wie es war. Auch wenn sie ein schlimmes Los gezogen hatten.                                                            

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